Fachkräfte
Studie: Wohnkosten wichtigster Wegzugsgrund für Luxemburgs zugewanderte Fachkräfte
Zwei Drittel der Neuzugewanderten nennen laut LISER-Studie die Wohnkosten als wahrscheinlichsten Wegzugsgrund – die Hälfte der neuen Arbeitskräfte verlässt Luxemburg binnen fünf Jahren.
Von Sophie Klein · · 5 Min. Lesezeit

Nicht die Entfernung zur Familie, nicht die Verlockung besserer Angebote im Ausland: Wenn Neuzugewanderte Luxemburg wieder verlassen, dann vor allem wegen der Wohnkosten. In einer Befragung von mehr als 3.200 Erwerbszugewanderten im Alter von 18 bis 64 Jahren, die 2023 ins Land gekommen waren, nannten 65,8 Prozent die Preise für Wohnraum als den Faktor, der sie am ehesten zum Wegzug bewegen würde – mit weitem Abstand vor der Distanz zur Familie (36 Prozent) und beruflichen Chancen im Ausland (35 Prozent). So steht es in der zweiten Phase der Studie LUXTALENT, die das Forschungsinstitut LISER im Auftrag des Wirtschaftsministeriums erstellt und am 15. Juni veröffentlicht hat.
Der Befund trifft das Land an einer empfindlichen Stelle. 90,5 Prozent aller Neueintritte in den luxemburgischen Arbeitsmarkt entfielen 2024 auf im Ausland Geborene – 26.342 Personen ab 20 Jahren, gegenüber einem Anteil von 89,5 Prozent im Jahr 2002. Zugleich rechnet die Sozialversicherungsinspektion IGSS damit, dass Luxemburg bis 2040 rund 335.000 neue Arbeitskräfte braucht: 180.000, um in den Ruhestand tretende Beschäftigte zu ersetzen, und 155.000 für neu entstehende Stellen. Ein Zuwanderungsmodell, das seine Fachkräfte nicht halten kann, ist damit kein Expat-Ärgernis, sondern ein strukturelles Risiko.
Die Hälfte ist nach fünf Jahren wieder weg
Wie durchlässig das System ist, hatte bereits die erste Studienphase gezeigt, die im März erschienen war und die Arbeitsmarktströme von 2002 bis 2024 auswertet: Rund 30 Prozent der neuen Arbeitsmarktteilnehmer verlassen Luxemburg innerhalb eines Jahres – im Jahrgang 2023 waren es 34 Prozent, 2024 noch 27,5 Prozent. Nach fünf Jahren ist die Hälfte gegangen. Dabei will die große Mehrheit eigentlich bleiben: 62 Prozent der Befragten gaben an, länger im Land bleiben zu wollen als ursprünglich geplant.
Verloren gehen dabei genau jene Profile, um die international am härtesten konkurriert wird. Rund 80 Prozent der Neuankömmlinge haben einen Hochschulabschluss, etwa 40 Prozent stammen aus Nicht-EU-Staaten, und fast die Hälfte hatte vor der Entscheidung für das Großherzogtum Alternativen wie die Schweiz, Deutschland oder die Niederlande erwogen. Ausschlaggebend für den Zuzug waren laut der Befragung:
- ein konkretes Jobangebot (45 Prozent),
- die Lebensqualität (38 Prozent),
- persönliche Netzwerke (35 Prozent),
- das Gehalt (32 Prozent).
Auch die Bevölkerungsstatistik zeichnet das Bild eines Landes mit hoher Fluktuation: 25.725 Zuzügen standen 2024 laut STATEC 16.444 Fortzüge gegenüber. Die Bevölkerung wuchs um 9.923 Personen auf 681.973 zum 1. Januar 2025 – ein Plus von 1,5 Prozent und damit einer der schwächsten Zuwächse des vergangenen Jahrzehnts. 47,0 Prozent der Einwohner sind Ausländer.
Teurer als München und Paris
Dass die Klagen über die Preise keine gefühlte Wahrheit sind, belegt der Deloitte Property Index 2025: Luxemburg ist demnach das teuerste Land Europas für den Kauf einer Neubauwohnung, im Schnitt 8.760 Euro pro Quadratmeter. Die Hauptstadt führt das Ranking der EU-Metropolen mit 11.074 Euro pro Quadratmeter an – vor München (10.800 Euro) und Paris (10.760 Euro) – und ist mit durchschnittlich 43,40 Euro pro Quadratmeter und Monat zugleich der teuerste Mietmarkt Europas. Anders als in Deutschland oder Frankreich gibt es keine günstigere Ausweichstadt im eigenen Land; das Ventil ist die Grenze. Die LISER-Forscher beobachten, dass sich immer mehr Beschäftigte stattdessen in Frankreich, Belgien oder Deutschland niederlassen.
Die Arbeitgeber schlagen seit Längerem Alarm. Die Handelskammer stellte das Thema Wohnen im Dezember 2025 ins Zentrum ihres Berichts Talent4Luxembourg mit 34 Empfehlungen, und die amerikanische Handelskammer Amcham hat im Auftrag ihrer Mitgliedsunternehmen sogar den Bau bezuschusster Werkswohnungen ausgelotet – zunächst in Gasperich, später auf Kirchberg. „Luxemburg muss zu einem echten ‚Talent Hub‘ werden, der in der Lage ist, die Talente anzuziehen, zu integrieren und zu halten, die unsere Wirtschaft braucht“, sagte Muriel Morbé, Direktorin für Talente und Kompetenzen der Handelskammer.
Ähnlich dringlich formuliert es Wohnungsbauminister Claude Meisch:
Wir müssen aufpassen, dass wir junge Berufstätige oder angehende Hochschulabsolventen nicht aus Luxemburg vergraulen.
„Wir müssen mehr Wohnungen in öffentlicher Hand bauen – und das schneller“, sagte Meisch der Luxembourg Times in einem von der Regierung erneut veröffentlichten Interview.
Rekordbudget gegen eine tickende Uhr
Tatsächlich gibt der Staat so viel für bezahlbaren Wohnraum aus wie nie zuvor. Der am 2. Juli vorgelegte Jahresbericht des Spezialfonds für erschwinglichen Wohnraum weist für 2025 Ausgaben von 474 Millionen Euro aus – das Budget des Fonds wurde von 220 auf rund 470 Millionen Euro mehr als verdoppelt. Der geförderte Bestand wuchs binnen Jahresfrist um 1.293 auf 5.348 Wohnungen in 341 Projekten, 64 Prozent davon für die erschwingliche Miete bestimmt, 36 Prozent für den Verkauf. Bis 2029 sollen die Ausgaben über 475 Millionen Euro jährlich bleiben, mit einem Höchststand von 542 Millionen Euro im Jahr 2027; die offenen Verpflichtungen übersteigen eine Milliarde Euro.
Der öffentliche Bauträger Fonds du logement hat nach Angaben von Le Quotidien derzeit 1.227 Wohnungen im Bau, darunter das Vorzeigeviertel Wunne mat der Wooltz in Wiltz: Auf 34 Hektar sollen letztlich rund 1.085 Wohnungen entstehen, die ersten – teils in Modulbauweise – ab 2026. Weitere Großprojekte sind Neischmelz in Düdelingen (1.575 Wohnungen bis 2044) und Elmen (über 800). Flankierend trat zum 1. Januar ein reformiertes Wohnbeihilfengesetz mit vereinfachten individuellen Hilfen und gerechterer Einkommensberechnung in Kraft, und das neue nationale Register für erschwinglichen Wohnraum RENLA bündelt seither alle Bewerbungen an einer einzigen Anlaufstelle – seit dem 15. April auch online über MyGuichet.
Gerade die RENLA-Zahlen zeigen jedoch die Dimension der Lücke: Rund 8.900 Bewerbungen von Mietinteressenten stehen etwa 3.500 derzeit erfassten Wohnungen gegenüber – rund 4.300 sollen es nach Vervollständigung des Registers sein. Andere Maßnahmen setzen beim Gehaltszettel an, etwa die im Steuerpaket 2025 beschlossene Impatriates-Regelung, die 50 Prozent der Bezüge bis 400.000 Euro brutto für bis zu neun Jahre steuerfrei stellt. Ungelöst bleibt das Problem der Zeitachse: Die Wirkung der heutigen Investitionen wird sich zum Großteil erst in zehn bis zwanzig Jahren entfalten – während die LISER-Daten zeigen, dass Neuzugewanderte binnen fünf Jahren entscheiden, ob sie bleiben oder gehen.
Häufig gefragt
- Was ist die LUXTALENT-Studie?
- Eine Untersuchung des Forschungsinstituts LISER im Auftrag des Wirtschaftsministeriums, angesiedelt beim Hochkomitee für die Gewinnung, Bindung und Entwicklung von Talenten unter Vorsitz von Wirtschaftsminister Lex Delles. Phase 1 (März 2026) analysiert die Arbeitsmarktströme von 2002 bis 2024, Phase 2 (Juni 2026) beruht auf einer Befragung von 3.200 im Jahr 2023 zugewanderten Erwerbspersonen.
- Warum verlassen Zugewanderte Luxemburg wieder?
- Der mit Abstand wichtigste Faktor sind die Wohnkosten, die 65,8 Prozent der Befragten als wahrscheinlichsten Wegzugsgrund nennen – vor der Entfernung zur Familie (36 Prozent) und beruflichen Chancen im Ausland (35 Prozent).
- Wie teuer ist Wohnen in Luxemburg im europäischen Vergleich?
- Laut Deloitte Property Index 2025 ist Luxemburg mit durchschnittlich 8.760 Euro pro Quadratmeter das teuerste Land Europas für Neubauwohnungen. Luxemburg-Stadt liegt mit 11.074 Euro/m² vor München und Paris und ist mit 43,40 Euro/m² monatlich auch Europas teuerster Mietmarkt.
- Was unternimmt die Regierung gegen die Wohnungskrise?
- Der Spezialfonds für erschwinglichen Wohnraum gab 2025 474 Millionen Euro aus, das Budget wurde mehr als verdoppelt. Hinzu kommen das reformierte Wohnbeihilfengesetz, das nationale Register RENLA als zentrale Anlaufstelle sowie Steuervergünstigungen für Impatriates von 50 Prozent auf Bezüge bis 400.000 Euro.
Quellen(18)
- 1High Housing Costs Principal Reason For Newcomers Leaving LuxembourgChronicle.lu · chronicle.lu
- 2Why foreign talent is reluctant to settle in LuxembourgDelano · delano.lu
- 330% of foreign workers leave Luxembourg after a yearDelano · delano.lu
- 4Publication of the results of the first part of the LUXTALENT studyLISER · liser.lu
- 5Étude LUXTALENT — deuxième partie (communiqué du 15 juin 2026)gouvernement.lu · gouvernement.lu
- 6The government is investing more than ever, but time is running outDelano · delano.lu
- 7New in 2026gouvernement.lu · gouvernement.lu
- 8Affordable housing: registration for RENLA now available online via MyGuichet.lugouvernement.lu · gouvernement.lu
- 9Luxembourg Chamber of Commerce Presents 34 Recommendations to Boost Talent Attraction & RetentionChronicle.lu · chronicle.lu
- 10Luxembourg has "some catching up to do" on affordable housing (Luxembourg Times interview with Claude Meisch)Ministry of the Economy / gouvernement.lu (orig. Luxembourg Times) · meco.gouvernement.lu
- 11Deloitte Property Index 2025 — Overview of European Residential MarketsDeloitte · deloitte.com
- 12Europe's Property Index 2025: The most and least affordable cities to buy a homeThe Superprime · thesuperprime.com
- 13Luxembourg will be most expensive country in Europe to buy new apartment in 2025Open4Business · open4business.com.ua
- 14Lower migration, low fertility: the demographic slowdown continuesSTATEC · statistiques.public.lu
- 15Luxembourg Population Growth Slows; Reaches 681,973, Driven by MigrationChronicle.lu · chronicle.lu
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- 17Premier coup de pelle du projet « Wunne mat der Wooltz » à WiltzFonds du logement · fondsdulogement.lu
- 18Luxembourg's business community explores building housing for workersChamber of Commerce press review (orig. Luxembourg Times) · cc.lu



