Naher Osten
Zwischen den Fronten: Die Golfstaaten als Schlüsselgröße im Krieg zwischen den USA und Iran
Während die brüchige Waffenruhe zwischen Washington und Teheran an der Straße von Hormus wieder zu zerbrechen droht, lavieren Katar, Saudi-Arabien und die Emirate zwischen beiden Lagern — auf dem Spiel stehen die Weltenergiemärkte und Europas Sicherheit.
Von Léa Hoffmann · · 5 Min. Lesezeit

Ein Drohnentreffer auf einen Öltanker und eine neue Welle amerikanischer Vergeltung haben die Waffenruhe zwischen Washington und Teheran erneut auf die Probe gestellt — und damit sichtbar gemacht, in welch unbequemer Lage sich die sechs arabischen Monarchien am Golf befinden. Sie werden von beiden Seiten umworben, von einer beschossen und müssen die Folgen tragen, gleich wie der Konflikt ausgeht.
Am 27. Juni traf eine Einweg-Angriffsdrohne den unter Panama-Flagge fahrenden Tanker Kiku, der mit mehr als zwei Millionen Barrel Rohöl nahe der Meerenge unterwegs war. Die Brücke wurde beschädigt, die Besatzung blieb unverletzt, ein Ölaustritt wurde nicht gemeldet — so berichten es CNBC und Bloomberg. Das US-Zentralkommando (CENTCOM) antwortete mit Schlägen gegen iranische Aufklärungs-, Luftabwehr- und Drohnenlagerstellen. Es war der jüngste Schlagabtausch in einem Krieg, der seit Ende Februar andauert.
Der Vorfall führte die Grenzen jenes Abkommens vor Augen, das genau dies verhindern sollte. Am 17. Juni hatten US-Präsident Donald Trump und Irans Präsident Massud Peseschkian eine Absichtserklärung mit 14 Punkten unterzeichnet: Sie verlängerte die Waffenruhe um 60 Tage, öffnete die Straße von Hormus mautfrei wieder für den Handelsverkehr und hob die US-Seeblockade iranischer Häfen auf. Inzwischen wirft jede Seite der anderen vor, das Abkommen gebrochen zu haben.
Wenn die eigene Küste zum Ziel wird
Für die Monarchien ist die Gefahr nichts Abstraktes. Seit dem Beginn des amerikanisch-israelischen Luftkriegs gegen Iran am 28. Februar haben iranische Raketen und Drohnen wiederholt Golf-Territorium getroffen. Am 3. Juni schlugen iranische Drohnen in einem Passagierterminal des internationalen Flughafens von Kuwait ein; ein Mensch — ein indischer Staatsbürger — kam ums Leben, 63 wurden verletzt, wie NPR und Al Jazeera meldeten. US- und bahrainische Kräfte fingen Raketen und Drohnen ab, die auf Bahrain zielten, den Heimathafen der Fünften US-Flotte. Im Verlauf des Krieges reichte iranisches Feuer bis nach Manama, Kuwait, Abu Dhabi, Riad und in die ölreiche Ostprovinz Saudi-Arabiens.
Und doch hat sich der Golf-Kooperationsrat — Saudi-Arabien, die Vereinigten Arabischen Emirate, Katar, Kuwait, Bahrain und Oman — aus den direkten Kampfhandlungen herausgehalten. Das Kalkül ist ebenso geografisch wie politisch: Iran bleibt der ewige Nachbar, und dieselbe Wasserstraße, die ihren Reichtum zu den Märkten trägt, verläuft entlang seiner Küste.
Der schmale Grat des Lavierens
Das zwingt die Monarchien zu einem heiklen Balanceakt: Sie stützen die amerikanische Diplomatie und halten zugleich die Gesprächskanäle nach Teheran offen. Katar hat trotz eigener Treffer die Verhandlungen mitvermittelt — gemeinsam mit Ägypten und der Türkei. Wie tief die Deeskalation inzwischen über den Golf läuft, zeigt eine ungewöhnliche Episode: Vizepräsident JD Vance machte öffentlich, dass im Rahmen eines US-iranischen Kanals zur Konfliktvermeidung Vertreter der iranischen Revolutionsgarden (IRGC) und des US-Zentralkommandos in Doha an einem Tisch sitzen sollen — ein bemerkenswerter Schritt, da Washington die IRGC weiterhin als Terrororganisation einstuft.
Zugleich stellen die Monarchien eigene Bedingungen. Bei einem Ministertreffen am 25. Juni in Manama, gemeinsam geleitet von US-Außenminister Marco Rubio und dem bahrainischen Außenminister, erklärten der Golf-Kooperationsrat und Washington, dauerhafter Frieden setze voraus, dass Irans ballistische Raketen, Drohnen und regionale Stellvertreter angegangen würden; jeglicher Handel und jede Investition mit Iran blieben „bedingt und umkehrbar". Teheran wies die Erklärung als einmischend zurück.
Den Golfstaaten dürfen keine neuen geopolitischen Realitäten aufgezwungen werden, nur weil sie heimtückisch angegriffen wurden.
Diese Warnung von Anwar Gargasch, dem diplomatischen Berater des emiratischen Präsidenten, fasst die Haltung am Golf zusammen: sich von keiner Seite etwas diktieren zu lassen und zugleich still darauf zu beharren, in jeder neuen Ordnung über die Straße von Hormus mitzureden. „Irans nationale Sicherheit und Würde sind Fragen, die keinen Kompromiss und keine Bedingung dulden", hielt ein Sprecher des iranischen Außenministeriums dagegen und wies jede Beschränkung von Raketen und Verteidigung zurück.
Bei allen Reibungen sehen die Monarchien die Diplomatie als das kleinere Risiko. Analysten meinen, die Golfstaaten hätten sich gerade deshalb ins Zentrum der Verhandlungen gerückt, damit über ihre gemeinsame Wasserstraße keine Lösung ohne sie getroffen werden kann.
Warum Europa direkt betroffen ist
Dass die Entscheidungen am Golf weit über die Region hinaus zählen, liegt an der Meerenge selbst. Durch den schmalen Kanal zwischen Iran und Oman passieren normalerweise rund ein Fünftel des weltweiten Öls — etwa ein Viertel des seewärts transportierten Rohöls — und etwa 20 Prozent des Flüssigerdgases. Eine Störung dort bewegt die Preise überall.
Das hat sie bereits getan. Die Nordseesorte Brent, die vor dem Krieg nahe 80 Dollar je Barrel notierte, sprang Anfang März erstmals seit vier Jahren über 100 Dollar und erreichte mit 126 Dollar ihren Höchststand — ein Anstieg von rund 65 Prozent binnen eines Monats und damit der größte je gemessene Monatssprung, wie die Weltbank festhält, die den Schock zu den größten Erschütterungen der Ölmärkte überhaupt zählt. Den Verlust an globalem Angebot bezifferte die Bank für März auf etwa zehn Millionen Barrel pro Tag und verwies bei erneuter Eskalation auf ein Aufwärtsrisiko in Richtung 95 bis 115 Dollar je Barrel.
Europa, das über keinen Puffer in der Größenordnung des Golfs verfügt, ist unmittelbar verwundbar. Die Großhandelspreise für Gas auf dem Kontinent verdoppelten sich in den ersten Kriegstagen beinahe, und eine dauerhafte Sperrung von Hormus würde direkt auf Inflation und Versorgungssicherheit durchschlagen — zu einer Zeit, in der sich die Union noch von billigem Brennstoff entwöhnt. Für kleine, offene und importabhängige Volkswirtschaften wie Luxemburg ist die Übertragung sofort spürbar: Was an der Zapfsäule und auf der Stromrechnung steht, folgt einer Wasserstraße in Tausenden Kilometern Entfernung.
Die Golfproduzenten haben versucht, sich abzuschirmen — Saudi-Arabien leitet Rohöl westwärts ans Rote Meer, die Emirate pumpen nach Fudschaira jenseits der Meerenge —, doch keine der beiden Pipelines kann Hormus bei voller Auslastung ersetzen. Solange die Waffenruhe nur stockend hält, bleiben ausgerechnet jene Monarchien, die diesen Krieg am wenigsten wollten, seine folgenreichsten Vermittler — und seine am stärksten exponierten Zaungäste.
Häufig gefragt
- Was ist mit dem Tanker Kiku am 27. Juni geschehen?
- Die unter Panama-Flagge fahrende Kiku, beladen mit mehr als zwei Millionen Barrel Rohöl, wurde nahe der Straße von Hormus von einer Einweg-Angriffsdrohne getroffen. Die Brücke wurde beschädigt, die Besatzung blieb unverletzt, ein Ölaustritt wurde nicht gemeldet. Das US-Zentralkommando antwortete mit Vergeltungsschlägen gegen iranische Ziele.
- Warum sind die Golfstaaten in diesem Krieg so zentral?
- Sie grenzen unmittelbar an Iran und an die Straße von Hormus, durch die ein Großteil ihres Öl- und Gasexports läuft. Sie halten sich aus den Kämpfen heraus, wurden aber beschossen, vermitteln zwischen Washington und Teheran und beharren darauf, in jeder neuen Ordnung über die Meerenge mitzureden.
- Welche Folgen hat der Konflikt für Europa und Luxemburg?
- Eine Störung der Straße von Hormus treibt Öl- und Gaspreise weltweit. Die europäischen Gas-Großhandelspreise verdoppelten sich zu Kriegsbeginn beinahe; Brent stieg zeitweise auf 126 Dollar. Für kleine, importabhängige Volkswirtschaften wie Luxemburg schlägt das direkt auf Spritpreise und Stromrechnungen durch.
- Was besagt die Absichtserklärung vom 17. Juni?
- Trump und Irans Präsident Peseschkian unterzeichneten eine Erklärung mit 14 Punkten: eine 60-tägige Verlängerung der Waffenruhe, die mautfreie Wiederöffnung der Straße von Hormus für den Handel und das Ende der US-Seeblockade iranischer Häfen. Beide Seiten werfen sich inzwischen gegenseitig Verstöße vor.
Quellen(14)
- 1Iran, US Exchange Attacks As Tensions In Gulf RiseRFE/RL · rferl.org
- 2Hard-headed pragmatism: Israel's war backfires as Gulf backs US-Iran MoUAl Jazeera · aljazeera.com
- 3Tanker struck in Strait of Hormuz as U.S.-Iran tensions escalateCNBC · cnbc.com
- 4Tanker Struck in Hormuz as Navies Lift Threat Level to ShipsBloomberg · bloomberg.com
- 5Second ship hit in Hormuz Strait after Trump slams 'foolish' attackNewsweek · newsweek.com
- 6Kuwait says Iranian drones hit airport and killed 1 as ceasefire is tested againNPR · npr.org
- 7Iranian drone attack kills Indian citizen in Kuwait after US strikes QeshmAl Jazeera · aljazeera.com
- 8Joint Statement Following the Ministerial Meeting of the United States and the Gulf Cooperation Council (GCC)U.S. Department of State · state.gov
- 9Iran slams the GCC and the US for 'interventionist' statement: What we knowAl Jazeera · aljazeera.com
- 10Gulf states weigh living side by side with Iran as Tehran weaponises HormuzEuronews · euronews.com
- 11Vance: US-Iran deconfliction cell has IRGC, CENTCOM reps 'hanging out' in DohaThe Times of Israel · timesofisrael.com
- 12Strait of Hormuz disruption sends oil prices surgingWorld Bank Blogs · blogs.worldbank.org
- 132026 Strait of Hormuz crisisWikipedia · en.wikipedia.org
- 142026 Iran war ceasefireWikipedia · en.wikipedia.org
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