Klimafinanzierung
Weltbank streicht Klimafinanzierungsziel auf Druck der USA
Auf Druck Washingtons streicht die Weltbank die Zielmarke von 45 Prozent Klimafinanzierung aus ihrem verlängerten Aktionsplan – ein Jahr, nachdem sie sie erstmals übertroffen hatte.
Von Jonas Thill · · 4 Min. Lesezeit

Ausgerechnet in dem Jahr, in dem die Weltbank ihr Klimaziel zum ersten Mal übertroffen hat, schafft sie es ab. 48 Prozent ihrer Finanzierungen – konzernweit rund 50,8 Milliarden Dollar – kamen im Geschäftsjahr 2025 nach Angaben der Nachrichtenagentur AFP dem Klimaschutz oder der Anpassung an die Erderwärmung zugute, mehr als die angepeilten 45 Prozent. Doch als der Klimaaktionsplan der Bank Ende Juni zur Verlängerung anstand, entschied der Verwaltungsrat, die Messlatte ganz zu entfernen – auf Betreiben des größten Anteilseigners, der Vereinigten Staaten.
Der am 29. und 30. Juni bekannt gegebene Beschluss – gefasst hatte ihn das Gremium bereits in der Vorwoche – verlängert den 2021 eingeführten Climate Change Action Plan über sein Ablaufdatum am 30. Juni 2026 hinaus, entkernt ihn aber zugleich. „Wir werden das 45-Prozent-Ziel für Klima-Zusatznutzen und das 35-Prozent-Ziel im (Klimaaktionsplan) auslaufen lassen“, heißt es in der von AFP zitierten Erklärung der Bank. Und weiter: „Wir werden unseren Übergang von Inputs zu Ergebnissen abschließen, um die Entwicklungswirkung zu maximieren.“
Eine Quote, die lieferte
Die Zahlen sprechen eher für als gegen das nun beerdigte Instrument. Beim Start des Aktionsplans 2021 verpflichtete sich die Weltbankgruppe, 35 Prozent ihrer Finanzierungen mit „Klima-Zusatznutzen“ auszustatten; 2023 hob sie die Marke unter Präsident Ajay Banga auf 45 Prozent an. Parallel dazu verdoppelte sich die Klimafinanzierung der Bank nahezu – von rund 21 Milliarden Dollar im Jahr 2021 auf etwa 39 Milliarden Dollar 2025. Nach Angaben von ESG Today entfielen davon im Geschäftsjahr 2025 16,6 Milliarden Dollar auf Anpassungsprojekte und 22,6 Milliarden Dollar auf die Minderung von Emissionen.
Ein numerischer Nachfolger ist nicht vorgesehen. Künftige Klimaarbeit solle „von der Nachfrage der Kundenländer getrieben“ sein, erklärte die Bank – eine Formel, die die Verantwortung für klimapolitischen Ehrgeiz von der Institution auf die kreditnehmenden Regierungen verlagert. Nach Berichten von E&E News und AFP bleibt gleichwohl ein Teil des Instrumentariums erhalten:
- Die Kreditvergabe bleibt am Pariser Klimaabkommen ausgerichtet.
- Klima-Zusatznutzen und Netto-Treibhausgasemissionen des Portfolios werden weiterhin ausgewiesen.
- Technische Unterstützung und länderspezifische Klima- und Entwicklungsanalysen laufen weiter.
- Auf Verlangen des Verwaltungsrats wird der Plan unabhängig evaluiert.
Washingtons Rechnung geht auf
Hinter der Kehrtwende steht monatelanger Druck aus den USA. Finanzminister Scott Bessent hatte im April öffentlich verlangt, die Bank müsse ihr „verzerrendes“ Klimaziel aufgeben: Die 45-Prozent-Vorgabe „erzeugt Ineffizienz, verzerrt wirtschaftliche Entscheidungen und entfernt die Bank von ihrem Kernauftrag“ – der Armutsbekämpfung und Wachstumsförderung. Die Vereinigten Staaten halten den größten Einzelanteil an der Bank; nach Informationen von E&E News machte Washington in den Verhandlungen unmissverständlich klar, dass das Ziel fallen müsse, obwohl andere Anteilseigner Unterstützung dafür signalisierten.
Wie Recherchen von Climate Home News und dem World Resources Institute (WRI) zeigen, standen an der Seite der USA nur wenige Länder, darunter Russland und Golfstaaten. Dagegen setzten sich europäische Regierungen, lateinamerikanische Staaten, kleine Inselstaaten und ein Block von knapp 100 Entwicklungsländern für den Erhalt des Plans samt seiner Verpflichtungen ein. Ein an den Gesprächen beteiligter Vertreter eines Industrielandes sagte E&E News, das Ergebnis liege „weit, weit entfernt von dem, wo wir für eine verantwortungsvolle Finanzarchitektur stehen müssten“.
„Es ist bedauerlich, dass es einer kleinen Zahl von Anteilseignern gelungen ist, diesen Rahmen zu schwächen, indem sie sein Ziel gestrichen haben“, sagte Melanie Robinson, Direktorin für Klima, Ökonomie und Finanzen beim World Resources Institute.
Mehr als eine methodische Fußnote
Die Weltbank ist die größte multilaterale Quelle von Klimafinanzierung für Entwicklungsländer; multilaterale Entwicklungsbanken stellten 2022 zusammen mehr als 40 Prozent der öffentlichen Klimafinanzierung, wie von Climate Home News zitierte Zahlen zeigen. Die feste Quote gab den Mitarbeitern einen internen Anreiz, Klimaprojekte zu entwickeln – und Außenstehenden einen transparenten Maßstab, an dem sich die Institution messen lassen musste. Von Climate Home News zitierte Fachleute halten es für möglich, dass die Klimaarbeit der Bank auch ohne die Zahl weiterläuft: Projektpipeline, Berichterstattung und Paris-Ausrichtung bestehen fort. Sie warnen jedoch, dass mit dem Ziel Anreize und Transparenz schwinden – gerade bei Anpassungsprojekten, für die sich privates Kapital ohnehin kaum erwärmt.
Der Zeitpunkt könnte kaum ungünstiger sein. Auf den Klimakonferenzen COP29 in Baku und COP30 in Belém haben die Regierungen eine „Baku-nach-Belém“-Roadmap vereinbart, die die Klimafinanzierung für Entwicklungsländer bis 2035 auf 1,3 Billionen Dollar jährlich steigern soll – ein Gerüst, das maßgeblich auf multilaterale Entwicklungsbanken als Hebel baut. Wenn die größte von ihnen sich von messbaren Zusagen verabschiedet, sendet das ein gegenläufiges Signal – ausgerechnet, während Rekordhitze Teile Europas erfasst und der Sommer auf der Nordhalbkugel die Anpassungssysteme erneut auf die Probe stellt.
Europas stumpfe Waffe
Für die europäischen Anteilseigner, die für den Erhalt des Rahmens eintraten, ist der Ausgang eine Niederlage in einer Institution, in der Stimmgewichte zählen, nicht Kopfzahlen. Europa hat ein Jahrzehnt lang die Infrastruktur der grünen Finanzwirtschaft aufgebaut – von den Nachhaltigkeitsregeln der EU bis zu Marktplattformen wie der Luxembourg Green Exchange, die 2016 als weltweit erste Börsenplattform für grüne Wertpapiere an den Start ging. Dahinter steht die Annahme, dass glaubwürdige Ziele und Offenlegung Kapital lenken. Der Schwenk der Weltbank zu „nachfragegetriebener“ Klimafinanzierung stellt diese Annahme auf die Probe, sobald sich die Machtverhältnisse unter den Anteilseignern verschieben.
Die Bank selbst beharrt darauf, der Rückzug sei methodischer, nicht substanzieller Natur: Ergebnisse statt Vorgaben. Ihre Kritiker halten dagegen, dass am Ende finanziert wird, was gemessen wird. Wer recht behält, werden die Zahlen des nächsten Geschäftsjahres zeigen – dann erstmals ohne Zielmarke.
Häufig gefragt
- Was hat die Weltbank beschlossen?
- Der Verwaltungsrat hat den 2021 eingeführten Climate Change Action Plan über sein Ablaufdatum am 30. Juni 2026 hinaus verlängert, zugleich aber die expliziten Klimafinanzierungsziele – 45 Prozent und die frühere 35-Prozent-Marke – gestrichen. Ein numerischer Nachfolger ist nicht vorgesehen.
- Warum wurde das 45-Prozent-Ziel abgeschafft?
- Die USA, größter Anteilseigner der Bank, hatten die Streichung verlangt. Finanzminister Scott Bessent nannte das Ziel im April „verzerrend“: Es erzeuge Ineffizienz und entferne die Bank von ihrem Kernauftrag. Unterstützt wurde Washington nur von wenigen Ländern, darunter Russland und Golfstaaten.
- Was bleibt vom Klimaaktionsplan erhalten?
- Die Kreditvergabe bleibt am Pariser Abkommen ausgerichtet, Klima-Zusatznutzen und Netto-Treibhausgasemissionen werden weiter ausgewiesen, technische Unterstützung und Klima-Entwicklungsanalysen laufen weiter, und der Plan wird auf Verlangen des Verwaltungsrats unabhängig evaluiert.
- Welche Folgen hat die Entscheidung für die globale Klimafinanzierung?
- Entwicklungsbanken stellten 2022 über 40 Prozent der öffentlichen Klimafinanzierung, und die „Baku-nach-Belém“-Roadmap setzt auf sie, um bis 2035 jährlich 1,3 Billionen Dollar für Entwicklungsländer zu mobilisieren. Fachleute warnen, dass ohne Zielmarke Anreize und Transparenz schwinden – vor allem bei Anpassungsprojekten.
Quellen(12)
- 1World Bank drops climate finance targets in renewed action plan (AFP)AFP via Arab News · arabnews.com
- 2World Bank drops climate finance target amid US pressureE&E News by POLITICO · eenews.net
- 3STATEMENT: World Bank Extends Climate Change Action Plan, But Drops Key Climate Finance TargetWorld Resources Institute · wri.org
- 4World Bank Drops Climate Finance Target Under U.S. PressureESG Today · esgtoday.com
- 5US pressure puts World Bank's climate plan at risk (Climate Home News)Green Central Banking / Climate Home News · greencentralbanking.com
- 6World Bank's climate work can endure without finance target, experts sayClimate Home News · climatechangenews.com
- 7World Bank 'retires' climate goal | Europe heatwave continues | Trump wind payoffsCarbon Brief · carbonbrief.org
- 8World Bank Scraps Climate Financing Targets After US CriticismBloomberg · bloomberg.com
- 9COP29 and COP30 Presidents present Baku to Belém Roadmap to mobilize US$1.3 trillion in climate financeCOP30 Presidency (cop30.br) · cop30.br
- 10COP30: What does the 'Baku to Belém roadmap' mean for climate finance?Carbon Brief · carbonbrief.org
- 11Luxembourg Launches World's First Green Stock Exchange: LGXForbes · forbes.com
- 12The Luxembourg Green ExchangeUNFCCC · unfccc.int
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