Digitale Inklusion
Digitale Teilhabe in Luxemburg: Kompetenzgefälle nach Bildung und Alter
Fast alle sind online. Doch Bildung und Alter entscheiden maßgeblich darüber, wer digitale Angebote tatsächlich zu seinem Vorteil nutzen kann.
Von Léa Hoffmann · · 4 Min. Lesezeit

Ein Internetanschluss ist in Luxemburg kaum noch ein Ausschlusskriterium. Entscheidend wird vielmehr, was Menschen mit dem Zugang anfangen können. Während ein Teil der Bevölkerung digitale Dienste selbstverständlich für Arbeit, Verwaltung und Information nutzt, bleibt ein anderer bei einfachen Anwendungen oder benötigt Unterstützung. Die soziale Trennlinie verläuft dabei vor allem entlang des Bildungsniveaus und des Alters.
Das zeigt eine am 27. Juli 2026 angekündigte Studie des Luxembourg Institute of Socio-Economic Research im Auftrag des Digitalisierungsministeriums. Danach hatten 2025 lediglich 0,87 Prozent der Einwohner noch nie das Internet genutzt. Zugleich ordnet die Untersuchung 29 Prozent der Gruppe mit geringer Nutzung zu, 39 Prozent der mittleren und 32 Prozent der intensiven Nutzung.
Am deutlichsten unterscheiden sich die Profile nach Bildungsstand. Menschen mit geringerer formaler Bildung sind in der Gruppe der Wenignutzer überrepräsentiert. Hochqualifizierte prägen dagegen die Gruppe der Intensivnutzer. Auch das Alter fällt ins Gewicht: Personen ab 50 Jahren finden sich überproportional häufig unter den Wenignutzern, während die 30- bis 49-Jährigen den Kern der intensivsten Nutzergruppe bilden.
Was die Erhebung aussagt – und was offenbleibt
Grundlage der Analyse ist die harmonisierte STATEC-Erhebung 2025 zur Nutzung von Informations- und Kommunikationstechnologien in Haushalten und durch Einzelpersonen. Das Statistikamt wählte dafür nach dem Zufallsprinzip 6.000 Einwohner im Alter von 16 bis 74 Jahren aus dem Nationalen Register natürlicher Personen aus. Die Teilnahme war online oder telefonisch möglich.
Die Zufallsauswahl und die telefonische Antwortmöglichkeit begrenzen die Abhängigkeit der Erhebung von den digitalen Fähigkeiten, die sie untersuchen soll. Die veröffentlichte Ankündigung nennt jedoch weder die tatsächlich erreichte Zahl der Antworten noch Einzelheiten zur Gewichtung oder Konfidenzintervalle. Damit lässt sich die statistische Präzision der ausgewiesenen Profile anhand der Zusammenfassung nicht vollständig beurteilen.
LISER bildet seine etablierten Nutzerprofile aus Variablen zu Internetaktivitäten. Diese Profile beschreiben Nutzungsmuster und Zusammenhänge; sie sind weder praktische Fähigkeitstests noch ein Beleg dafür, dass Bildung oder Alter die beobachteten Unterschiede verursachen. Auch dürfen sie nicht mit dem gesonderten, harmonisierten Eurostat-Indikator zu digitalen Kompetenzen gleichgesetzt werden.
Die größten Abstände sind bezifferbar
Der Eurostat-Indikator liefert für 2025 ein genaueres Bild des Kompetenzgefälles. Demnach verfügten 62,40 Prozent der Luxemburger Einwohner zwischen 16 und 74 Jahren über mindestens grundlegende digitale Kompetenzen. EU-weit waren es 60,40 Prozent.
- Unter Einwohnern ohne oder mit niedriger formaler Bildung erreichten lediglich 31,66 Prozent diese Schwelle. Der Abstand zum luxemburgischen Gesamtwert betrug 30,74 Prozentpunkte.
- Bei den 25- bis 54-Jährigen lag die Quote bei 68,67 Prozent.
- Unter den 55- bis 74-Jährigen waren es 48,93 Prozent – eine Alterslücke von 19,74 Prozentpunkten.
Für Einkommen oder Nationalität bietet die derzeit auffindbare Zusammenfassung der Studie von 2025 dagegen keine zahlenmäßig ausgewiesene Kompetenzlücke. Eine entsprechende aktuelle Aussage wäre daher nicht belastbar. Im vorausgegangenen LISER-Bericht von 2024 gehörte das Einkommen zudem nicht zu den acht Merkmalen im Modell zu abgebrochenen Online-Verfahren.
Der Bericht von 2024 stellte allerdings einen auf eine bestimmte Aufgabe begrenzten Unterschied nach Nationalität fest: Nicht-EU-Staatsangehörige stellten 35,29 Prozent jener Nutzer, die eine Online-Schulung abgebrochen hatten, gegenüber 18,39 Prozent unter jenen, die dies nicht getan hatten. Daraus folgt weder eine allgemeine digitale Kompetenzquote noch ein kausaler Einfluss der Nationalität.
Mehr Angebote, noch kein Wirkungsnachweis
Die Entwicklung der Gesamtquote fällt positiv, aber verhalten aus. Der Anteil mit mindestens grundlegenden digitalen Kompetenzen stieg von 60,14 Prozent im Jahr 2023 auf 62,40 Prozent 2025. Das entspricht einem annualisierten Zuwachs von 1,9 Prozent. Luxemburg blieb damit unter seinem nationalen Zielpfad von 71 Prozent für 2025; zugleich verlief das Wachstum langsamer als in der EU.
Die Europäische Kommission fasste die Lage in ihrem Länderbericht 2026 zur Digitalen Dekade entsprechend zusammen: „Grundlegende digitale Kompetenzen wachsen zu langsam; zugleich bestehen anhaltende Lücken bei Menschen mit niedrigem Bildungsniveau und älteren Bürgern.“
Bei den Angeboten kann die Regierung eine deutlich größere Reichweite vorweisen. GoldenMe veranstaltete 2025 insgesamt 82 SmartCafés mit 529 Teilnehmern, nach 34 Veranstaltungen und 195 Teilnehmern im Jahr 2024. BEE SECURE verzeichnete 1.211 Schulungen mit rund 27.000 Teilnehmern. Solche Zahlen dokumentieren Kontakte und Teilnahme, nicht aber den Abbau von Kompetenzunterschieden.
Der zweite Aktionsplan für digitale Inklusion, verabschiedet am 16. Januar 2026, umfasst sechs strategische Hebel, 36 Unterziele und 249 Initiativen unter Beteiligung von 14 Ministerien. Vorgesehen sind eine externe Zwischen- und eine externe Abschlussevaluation.
„Wir wollen niemanden zurücklassen.“ — Stéphanie Obertin, luxemburgische Ministerin für Digitalisierung
Wie schwierig der Schritt von der Teilnahme zur nachweisbaren Wirkung ist, verdeutlicht auch die LISER-Analyse. Am stärksten sind Autonomie und selbstständiges Lernen mit Vorteilen aus der Internetnutzung verbunden. Bezahlte Weiterbildung folgt an zweiter Stelle, besonders bei wirtschaftlichen Vorteilen. Kostenlose Angebote öffentlicher oder gemeinnütziger Träger weisen begrenztere Zusammenhänge auf, vor allem mit neuen sozialen Kontakten.
Die Beobachtungsdaten erlauben daraus keine Aussage über Ursache und Wirkung. Teilnehmer kostenloser Kurse können bereits mit größeren Nachteilen beginnen; aus den Ergebnissen folgt daher nicht, dass solche Angebote unwirksam wären. Gerade deshalb erhalten die angekündigten Evaluationen politisches Gewicht: Sie müssen zeigen, ob die Vielzahl der Maßnahmen Fähigkeiten verbessert und die ausgewiesenen Lücken tatsächlich verkleinert.
„Es geht nicht darum, den technologischen Wandel zu verlangsamen, sondern dafür zu sorgen, dass alle davon profitieren können“, schreiben die LISER-Forscher und Berichtsautoren Ludivine Martin und Nicolas Poussing. Luxemburgs nächste Bewährungsprobe liegt somit nicht in zusätzlicher Konnektivität, sondern im belastbaren Nachweis breiterer digitaler Handlungsfähigkeit.
Häufig gefragt
- Wie viele Menschen in Luxemburg verfügen über grundlegende digitale Kompetenzen?
- 2025 hatten 62,40 Prozent der Einwohner im Alter von 16 bis 74 Jahren mindestens grundlegende digitale Kompetenzen. Der EU-Wert lag bei 60,40 Prozent.
- Welche Bevölkerungsgruppen sind besonders benachteiligt?
- Die größten ausgewiesenen Unterschiede betreffen Bildung und Alter. Unter Menschen ohne oder mit niedriger formaler Bildung erreichten 31,66 Prozent die Kompetenzschwelle; bei den 55- bis 74-Jährigen waren es 48,93 Prozent.
- Belegt die LISER-Studie die Wirksamkeit von Weiterbildung?
- Nein. Sie weist Zusammenhänge aus, aber keine Kausalwirkungen. Besonders stark sind Autonomie und selbstständiges Lernen mit Vorteilen der Internetnutzung verbunden; bezahlte Weiterbildung folgt an zweiter Stelle.
- Was umfasst Luxemburgs zweiter Plan für digitale Inklusion?
- Der am 16. Januar 2026 verabschiedete Plan enthält sechs strategische Hebel, 36 Unterziele und 249 Initiativen unter Beteiligung von 14 Ministerien. Externe Zwischen- und Abschlussevaluationen sind vorgesehen.
Quellen(13)
- 1Nouvelle étude sur l'état de l'inclusion numérique au LuxembourgLuxembourg Government · gouvernement.lu
- 2Digital Inclusion Study Highlights Education Gap in Luxembourg's Digital SkillsChronicle.lu · chronicle.lu
- 3On 2 June, STATEC will launch the survey on internet use in 2025STATEC · statistiques.public.lu
- 4ICT usage in households and by individuals — metadataEurostat · webgate.ec.europa.eu
- 5Luxembourg's 2026 Digital Decade Country ReportEuropean Commission · digital-strategy.ec.europa.eu
- 6Individuals' level of digital skills from 2021 onwardsEuropean Institute for Gender Equality / Eurostat · dgs-p.eige.europa.eu
- 7Inclusion numérique. Une analyse de la situation en 2024LISER · mindigital.gouvernement.lu
- 8Stéphanie Obertin presented the new National Action Plan for Digital InclusionLuxembourg Government · mindigital.gouvernement.lu
- 9Initiatives for the digital inclusion of all citizensLuxembourg Ministry for Digitalisation · mindigital.gouvernement.lu
- 102025 activity report of the Ministry of Family, Solidarity, Living Together and ReceptionLuxembourg Government · gouvernement.lu
- 11BEE SECURE 2025 annual reportBEE SECURE · bee-secure.lu
- 12Luxembourgish Safer Internet CentreEuropean Commission · better-internet-for-kids.europa.eu
- 13Discover the new look of MyGuichet.luGuichet.lu · guichet.public.lu
Zum selben Thema


Der Ölpreis fällt – für Luxemburg entscheidet jetzt die Straße von Hormus
