Erbstreit

Del-Vecchio-Erben streiten vor Luxemburger Gericht um Ray-Ban-Holding

Über die Luxemburger Holding Delfin läuft der Machtkampf der Familie Del Vecchio: Erbe Leonardo Maria will zwei Geschwister auszahlen — ein Streit um Stimmschwellen landet im Großherzogtum.

Von Jonas Thill · · 4 Min. Lesezeit

Eine Ray-Ban-Wayfarer-Sonnenbrille liegt auf gefalteten juristischen und finanziellen Dokumenten.
Symbolbild: Eine Ray-Ban-Wayfarer — Vorzeigemarke von EssilorLuxottica — auf gefalteten Rechts- und Finanzunterlagen, sinnbildlich für ein in Luxemburger Holdingpapieren gebundenes Familienvermögen. Illustration, mit KI erstellt. Illustration: KI-generiert — Status

Eines der größten Familienvermögen Europas wird in Luxemburg verhandelt. Hinter dem milliardenschweren Imperium des Brillenkonzerns EssilorLuxottica — Hersteller der Kultmarken Ray-Ban und Oakley — steht die Familienholding Delfin, und über deren künftige Kontrolle soll nun ein Gericht im Großherzogtum entscheiden. Angefochten wird ein umstrittener Plan, der die Machtverhältnisse in der Gesellschaft neu ordnen würde.

Auf der einen Seite steht Leonardo Maria Del Vecchio, ein Sohn des verstorbenen Firmengründers; auf der anderen sein Stiefbruder Rocco Basilico. Der Zwist hat Luxemburg zum juristischen Schauplatz einer Erbfolge gemacht, die die Familie seit 2022 spaltet. Es geht um die Frage, wer künftig jenes Vehikel steuert, das an der Spitze des weltgrößten Brillenkonzerns und eines dichten Geflechts italienischer Finanzbeteiligungen thront.

Ein Vermögen mit Sitz an der Rue de la Chapelle

Die Delfin S.à r.l. ist an der Adresse 7 Rue de la Chapelle in Luxemburg-Stadt eingetragen und wurde 2006 gegründet. Nach einer auf öffentlichen Registerdaten beruhenden Zusammenstellung bei Wikipedia ist sie mit rund 32 Prozent der Anteile und etwa 31 Prozent der Stimmrechte größte Aktionärin von EssilorLuxottica. Hinzu kommen Beteiligungen an der Investmentbank Mediobanca (19,74 Prozent), an der Krisenbank Monte dei Paschi di Siena (17,5 Prozent), am Versicherer Assicurazioni Generali (rund 10 Prozent), am Immobilienkonzern Covivio (28,03 Prozent) sowie an der UniCredit (2,7 Prozent). Das Nettovermögen überstieg Ende 2025 die Marke von 55 Milliarden Euro; Leonardo Maria selbst beziffert es auf etwa 56 Milliarden Euro. Allein EssilorLuxottica ist an der Börse mehr als 100 Milliarden Dollar wert.

Als Firmengründer Leonardo Del Vecchio, der Luxottica aus einer kleinen Werkstatt zu einem Weltkonzern geformt hatte, im Juni 2022 starb, teilte sein Testament die Delfin in acht gleich große Anteile von je 12,5 Prozent auf. Sie liegen bei seiner Witwe Nicoletta Zampillo, den Kindern Claudio, Marisa, Paola, Leonardo Maria, Luca und Clemente Del Vecchio sowie bei Basilico, dem Sohn Zampillos aus einer früheren Ehe. Den Vorsitz der Holding führt Francesco Milleri, zugleich Vorstandschef von EssilorLuxottica.

Der Kauf, der die Familie entzweit

Der 31-jährige Leonardo Maria will die zusammen 25 Prozent seiner Geschwister Luca und Paola übernehmen. Der Schritt würde seinen eigenen Anteil von 12,5 auf rund 37,5 Prozent heben und ihn zum mit Abstand größten Einzelaktionär der Delfin machen. Die Transaktion, deren Wert bei etwa 10 Milliarden Euro liegt, ist als fremdfinanzierter Buyout (Leveraged Buyout) angelegt, den ein Bankenkonsortium stützt; der Schuldendienst soll aus den Dividenden der Delfin-Beteiligungen bestritten werden.

Ich habe von Anfang an klargemacht, dass ich bereit bin, ihre Anteile zu kaufen — um Hauptaktionär von Delfin zu werden, die offenen Fragen rund um den Nachlass meines Vaters zu klären und seinen letzten Willen zu vollstrecken.

Gegenüber der „Financial Times“ sagte Leonardo Maria, man sei einer Einigung über den Preis nahe. Er wolle keinen „Machtschachzug“ führen, sondern „nach vier Jahren des Streits Vertrauen aufbauen“. Rund 7 Milliarden Euro an Reserven könnten eine Sonderdividende tragen, gefolgt von jährlichen Ausschüttungen von mehr als 1 Milliarde Euro, sagte er der Zeitung.

Auf einer außerordentlichen Gesellschafterversammlung am 27. April 2026 billigten die Eigentümer die Übertragung des 25-Prozent-Pakets an Leonardo Maria — sechs der acht Gesellschafter stimmten dafür. Gesondert votierten sieben der acht für eine Dividendenpolitik, die für die Jahre 2025, 2026 und 2027 die Ausschüttung von 80 Prozent des jährlichen Nettogewinns vorsieht.

Worüber die Luxemburger Justiz befinden soll

Basilico, der wie Leonardo Maria 12,5 Prozent hält, trug den Streit im Mai vor ein Luxemburger Gericht und verlangt, die Beschlüsse vom April zu kippen. Sein zentrales Argument ist formaler Natur — aber mit weitreichenden Folgen:

  • Die Versammlung habe die Anteilsübertragung mit einer Schwelle von 75 Prozent durchgewinkt, obwohl die Statuten der Delfin für die Übertragung von Anteilen an Dritte mehr als 88 Prozent verlangten.
  • Bei dieser höheren Hürde hätten seine 12,5 Prozent allein genügt, um den Verkauf zu blockieren.
  • Auch die Dividendenregelung ficht er an: Sie habe nicht auf der ursprünglichen Tagesordnung gestanden und würde die Gesellschaft nach Vollzug des Kaufs binden, mindestens 80 Prozent des Nettogewinns auszuschütten.

Delfin nennt die Klage unbegründet. Parallel dazu liegt eine eng verwandte Frage bei der Luxemburger Justiz: ob Basilico Volleigentum an seinem Paket besitzt oder nur das bloße Eigentum (nuda proprietà) — davon hängt ab, ob er die daran geknüpften Stimmrechte ausüben darf. Leonardo Maria hatte seinerseits in Mailand geklagt, um Basilico aus dem Gesellschafterkreis der Delfin auszuschließen.

Ein Waffenstillstand, noch kein Frieden

Am 4. Juni verständigten sich die beiden Stiefbrüder vorläufig darauf, ihre wechselseitigen Klagen fallenzulassen — Basilico die Anfechtung in Luxemburg, Leonardo Maria das Verfahren in Mailand. Damit wäre der Weg für den Buyout frei. Beide Seiten betonten jedoch, dass eine endgültige Vereinbarung noch nicht besiegelt sei und Details noch auszuarbeiten blieben.

Vor einer Delfin-Hauptversammlung am 30. Juni wandte sich Basilico mit einem Gegenvorschlag an das Gremium: Die Gesellschaft solle die Anteile jener Erben zurückkaufen, die nicht länger an Bord bleiben wollten, und dies durch den Verkauf eines Teils ihrer Finanzbeteiligungen finanzieren. Leonardo Maria lehnte es ab, EssilorLuxottica-Vermögen „mit Abschlag“ abzugeben.

Wie der Streit auch ausgeht — die Episode legt eine stillere Wahrheit über das Großherzogtum offen. Luxemburg ist seit Langem der diskrete rechtliche Wohnsitz vieler der größten Familienvermögen Europas; ihre Holdingstrukturen gelten als flexibel und beständig. Zerstreitet sich eine Milliardärsdynastie, werden ebendiese Strukturen — und die Gerichte, die über sie wachen — zur Arena, in der über die Zukunft des Vermögens entschieden wird.

Häufig gefragt

Was ist die Delfin S.à r.l.?
Delfin ist die 2006 gegründete Familienholding der Del Vecchios mit Sitz an der 7 Rue de la Chapelle in Luxemburg-Stadt. Sie ist mit rund 32 Prozent der Anteile größte Aktionärin von EssilorLuxottica und hält zudem Beteiligungen an Mediobanca, Monte dei Paschi di Siena, Generali, Covivio und UniCredit. Ihr Nettovermögen übersteigt 55 Milliarden Euro.
Worum geht es bei der Klage in Luxemburg?
Rocco Basilico ficht die Gesellschafterbeschlüsse vom 27. April 2026 an. Er argumentiert, die Übertragung des 25-Prozent-Pakets sei mit einer Schwelle von 75 Prozent gebilligt worden, obwohl die Statuten für Anteilsübertragungen an Dritte mehr als 88 Prozent verlangten. Bei dieser Hürde hätten seine 12,5 Prozent zur Blockade genügt.
Warum spielt Luxemburg in dem Familienstreit eine Rolle?
Die Familienholding Delfin ist in Luxemburg-Stadt domiziliert, weshalb die luxemburgische Justiz über die Gültigkeit ihrer Gesellschafterbeschlüsse und über die Reichweite von Basilicos Eigentums- und Stimmrechten entscheidet. Luxemburg ist seit Langem ein bevorzugter Standort für Holdingstrukturen großer europäischer Familienvermögen.
Ist der Streit inzwischen beigelegt?
Noch nicht endgültig. Am 4. Juni 2026 einigten sich Leonardo Maria Del Vecchio und Rocco Basilico vorläufig darauf, ihre wechselseitigen Klagen in Luxemburg und Mailand fallenzulassen. Eine abschließende Vereinbarung war Anfang Juli 2026 jedoch noch nicht besiegelt; Details blieben offen.
Quellen(10)
  1. 1Ray-Ban Heir Files Legal Challenge to €10 Billion Stake SaleBloomberg · bloomberg.com
  2. 2Ray-Ban Heir Wins Approval for €10 Billion Buyout of SiblingsBloomberg · bloomberg.com
  3. 3The Ray-Ban heir who wants to buy out his own family from the luxury brandEuronews · euronews.com
  4. 4Ray-Ban heir mounts legal challenge to €10 billion family dealFashionNetwork · ww.fashionnetwork.com
  5. 5Ray-Ban heir Rocco Basilico files legal challenge to $11.8 billion stake saleCrain Currency · craincurrency.com
  6. 6Son of EssilorLuxottica founder nears deal to buy siblings' Delfin stake, FT saysReuters (via WHBL) · whbl.com
  7. 7Delfin, agreement on reorganisation between Leonardo Maria Del Vecchio and Rocco BasilicoIl Sole 24 Ore · en.ilsole24ore.com
  8. 8Del Vecchio Heirs Reach Provisional Deal on Inheritance DisputeGlobal Banking & Finance Review · globalbankingandfinance.com
  9. 9Delfin, Basilico proposes the sale of shareholdings to settle outgoing shareholdersIl Sole 24 Ore · en.ilsole24ore.com
  10. 10Delfin (holding company)Wikipedia · en.wikipedia.org

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