Präsidentschaftswahl in Peru
Peru: Keiko Fujimori siegt hauchdünn – Sánchez verweigert die Niederlage
50,1 zu 49,9 Prozent, rund 42.000 Stimmen: Nach drei verlorenen Stichwahlen liegt Keiko Fujimori vorn – doch ihr linker Rivale ruft den Widerstand aus und das Wahlgericht zögert mit der Verkündung.
Von Léa Hoffmann · · 4 Min. Lesezeit

Lima – Es ist der knappste Ausgang einer Präsidentschaftsstichwahl in der jüngeren Geschichte Perus, und er stürzt das Andenland zugleich in eine Vertrauenskrise. Keiko Fujimori, die polarisierendste Figur einer ganzen politischen Generation, hat sich nach Auszählung nahezu aller Stimmen einen Vorsprung von etwa 42.000 Stimmen gesichert – bei mehr als 18 Millionen abgegebenen Voten. Nach den Zahlen des Nationalen Amtes für Wahlprozesse (ONPE) kommt die Tochter des verstorbenen Ex-Präsidenten Alberto Fujimori auf 50,1 Prozent, der linke Abgeordnete Roberto Sánchez auf 49,9 Prozent.
Damit greift Fujimori nach jenem Amt, das ihr bei drei früheren Anläufen in den Jahren 2011, 2016 und 2021 jeweils nur um Haaresbreite entglitten war. Doch ein klarer Sieg sieht anders aus. Sánchez weigert sich, seine Niederlage einzuräumen, und wirft den Behörden Manipulation bei den entscheidenden Auslandsstimmen vor. Mehr als zwei Wochen nach Schließung der Wahllokale hatte das Nationale Wahlgericht (JNE) noch keinen Präsidenten offiziell ausgerufen.
Ein Land, gespalten in zwei fast gleich große Hälften
Nach der ONPE-Auszählung entfielen auf Fujimori von der rechtsgerichteten Partei Fuerza Popular 9.206.241 Stimmen, auf Sánchez 9.164.171 – eine Differenz von 42.070 Stimmen oder 0,24 Prozentpunkten. Beim Auszählungsstand von 99,7 Prozent am 23. Juni hatte sich der Vorsprung bei rund 40.000 Stimmen eingependelt. Beobachter zählen das Resultat zu den knappsten in der jüngeren Geschichte Lateinamerikas.
Die Zahlen spiegeln ein tief zerrissenes Wählerland. Fujimori, die schon den ersten Wahlgang am 12. April mit 17,2 Prozent angeführt hatte, holte ihre Stimmen in den wohlhabenden Städten und bei den im Ausland lebenden Peruanern, wo die Diaspora klar zu ihr stand. Sánchez vom Bündnis Juntos por el Perú stützte sich auf die ärmeren, ländlichen Regionen; je mehr Stimmen von dort eintrafen, desto enger wurde das Rennen. Die Wahlbeteiligung in der Stichwahl lag bei 71,9 Prozent.
Im neuen Zweikammerparlament – Perus erstem mit wiederhergestelltem Senat – verfügt keine Partei über eine Mehrheit. Nach vorläufigem Ergebnis ist Fuerza Popular in beiden Häusern stärkste Kraft, ohne durchregieren zu können:
- Abgeordnetenkammer (130 Sitze): Fuerza Popular 41, Juntos por el Perú 32, Partei der guten Regierung 18, Renovación Popular 15, der Rest verteilt auf kleinere Gruppen.
- Senat (60 Sitze): Fuerza Popular 22, Juntos por el Perú 14, Renovación Popular 8, Partei der guten Regierung 7.
Ein Verlierer, der nicht verlieren will
Sánchez, der vor dem Urnengang im Rundfunk noch versprochen hatte, das Ergebnis zu respektieren, schwenkte um, als der Abstand zu seinen Ungunsten schrumpfte. Er macht die Entscheidung der Wahlbehörde verantwortlich, die Pflicht zum Einscannen und Digitalisieren der Auszählungsprotokolle in den Auslandswahllokalen abzuschaffen – das habe der Manipulation Tür und Tor geöffnet. Er fordert das JNE auf, die Ergebnisse aus 119 Konsulaten zu annullieren. In einer Erklärung in den sozialen Medien ging er am 23. Juni über den juristischen Weg hinaus.
Wir werden diese Regierung nicht anerkennen und einen Zustand des politischen und sozialen Widerstands ausrufen.
Fujimori tut die Kampagne gegen das Ergebnis als Inszenierung ab. „Ich halte das für einen verzweifelten politischen Akt", sagte sie örtlichen Medien. Sie ist nicht die einzige Unterlegene, die Betrug wittert: Rafael López Aliaga, der rechtsradikale Bürgermeister von Lima, der im ersten Wahlgang als Dritter ausschied, verbreitete ebenfalls Betrugsvorwürfe, rief zu einem „Aufstand" auf und sieht sich nun einer Anklage wegen Anstiftung zu Unruhen gegenüber. Die Wahlrichter haben das Verfahren bislang gestützt; bereits im April entschieden sie, dass der erste Wahlgang nicht annulliert werde.
Was eine Präsidentin Fujimori bedeuten würde
Ein Sieg Fujimoris würde den Griff der Rechten nach einer der rohstoffreichsten Volkswirtschaften Südamerikas festigen und den regionalen Rechtsruck verlängern. Ihr Programm verbindet eine harte Law-and-Order-Linie – bewusst an die Anti-Terror-Kampagne ihres Vaters in den 1990er-Jahren angelehnt – mit der Verteidigung jenes marktwirtschaftlichen Modells, das Perus makroökonomische Stabilität durch Jahre des politischen Chaos und einen raschen Verschleiß an Staatschefs hindurch getragen hat.
Ob sie regieren kann, ist allerdings eine andere Frage als die, ob sie gewinnen kann. Fachleute des Latin America Center am Atlantic Council halten ihre Sitzzahl für einen Schutzschild, nicht für einen Freibrief.
„Fujimoris Partei hält genügend Sitze in Senat und Kongress, um eine Amtsenthebung abzuwenden, doch wirksames Regieren wird Kompromisse erfordern", sagte Martin Cassinelli, stellvertretender Direktor des Zentrums. Sein Kollege Jason Marczak erklärte, sie bringe „einen unternehmensfreundlichen Ansatz in eine Wirtschaft, die trotz beständiger politischer Umbrüche seit Langem für ihre makroökonomische Stabilität gelobt wird", und sei ein bereitwilliger Partner Washingtons im Kampf gegen kriminelle Organisationen auf dem Kontinent. Im Ringen zwischen den USA und China – Peru ist ein großer Exporteur von Kupfer, Silber und Molybdän – erwarten die Experten, dass sie pragmatisch bleibt und sich auf keine Seite schlägt.
Mit der Präsidentschaft schlösse sich auch ein dynastischer Kreis. Fujimori trat mit 19 Jahren als First Lady ins öffentliche Leben, während der Regierungszeit ihres Vaters Alberto Fujimori, der das Land von 1990 bis 2000 führte, später wegen Menschenrechtsverletzungen verurteilt wurde und im September 2024 starb – ein Jahr und neun Monate nach seiner Entlassung aus der Haft. Für ihre Kritiker beschwört eine Fujimori im Regierungspalast den autoritären Schatten jener Jahre herauf; für ihre Anhänger rehabilitiert sie eine Kandidatin, die dreimal an ebenso hauchdünnen Differenzen scheiterte. Eines verspricht der Wahlausgang nach allem, was sich abzeichnet, nicht: Ruhe. Die entscheidende Auszählung ist abgeschlossen – der Streit um ihre Legitimität beginnt gerade erst.
Häufig gefragt
- Wie knapp war das Ergebnis der Stichwahl?
- Nach der ONPE-Auszählung kam Keiko Fujimori auf 9.206.241 Stimmen (50,1 %), Roberto Sánchez auf 9.164.171 (49,9 %) – eine Differenz von 42.070 Stimmen oder 0,24 Prozentpunkten. Am 23. Juni lag der Vorsprung bei rund 40.000 Stimmen.
- Warum ist Fujimori noch nicht offiziell zur Präsidentin erklärt worden?
- Mehr als zwei Wochen nach der Wahl hatte das Nationale Wahlgericht (JNE) noch keine Verkündung vorgenommen. Sánchez erkennt das Ergebnis nicht an und verlangt die Annullierung der Stimmen aus 119 Konsulaten wegen angeblicher Manipulation.
- Wer ist Keiko Fujimori?
- Sie ist die Tochter des früheren Präsidenten Alberto Fujimori (1990–2000) und Vorsitzende der rechtsgerichteten Partei Fuerza Popular. Mit 19 Jahren war sie First Lady Perus. Es war ihre vierte Präsidentschaftskandidatur nach drei knappen Niederlagen 2011, 2016 und 2021.
- Wie sind die Mehrheiten im neuen Parlament?
- Keine Partei hat eine Mehrheit. In der Abgeordnetenkammer (130 Sitze) führt Fuerza Popular mit 41 Sitzen vor Juntos por el Perú (32); im Senat (60 Sitze) kommt Fuerza Popular auf 22 vor Juntos por el Perú (14).
Quellen(8)
- 12026 Peruvian general electionWikipedia · en.wikipedia.org
- 2Sanchez warns he 'will not recognise' Fujimori victory in Peru electionAl Jazeera · aljazeera.com
- 3Leftist Sanchez takes slim lead in Peru's presidential run-off electionAl Jazeera · aljazeera.com
- 4A razor-thin victory, a divided nation: What awaits Peru's next president?Atlantic Council · atlanticcouncil.org
- 5Peru: Keiko Fujimori, first lady at 19, on fourth try to be presidentCNN · cnn.com
- 6Peru Has a New President, But Fujimori's Election Lie Imperils DemocracyWOLA (Washington Office on Latin America) · wola.org
- 7Alberto Fujimori, ex-president of Peru who was convicted of human rights abuses, diesNPR · npr.org
- 8Keiko Fujimori | Biography, Politics, Fuerza Popular, & Peru Election 2026Encyclopaedia Britannica · britannica.com
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