Sexuelle Gesundheit
HIV-Neuinfektionen in Luxemburg so niedrig wie selten – Syphilis legt um 35 Prozent zu
Der Epidemiologiebericht 2024 zählt 39 HIV-Neuinfektionen, ein Minus von 24 Prozent. Zugleich steigen Syphilis, Gonorrhö und weitere sexuell übertragbare Infektionen weiter an.
Von Léa Hoffmann · · 4 Min. Lesezeit

Zwei Kurven, die in entgegengesetzte Richtungen zeigen: Während HIV in Luxemburg seltener neu diagnostiziert wird als seit Jahren, breiten sich Syphilis und Gonorrhö weiter aus. In dieser Schere sehen die Gesundheitsbehörden des Großherzogtums zugleich einen Erfolg der HIV-Prävention und ein Warnsignal – nämlich dass der Schutz vor anderen Infektionen nachlässt.
Die Zahlen stammen aus dem Epidemiologiebericht 2024 über übertragbare Krankheiten, den die luxemburgische Gesundheitsdirektion (Direction de la santé) am 19. September 2025 veröffentlicht hat. Demnach wurden im vergangenen Jahr 39 HIV-Neuinfektionen erfasst – ein Rückgang um 24 Prozent gegenüber 2023. Im selben Zeitraum schnellte die Zahl der Syphilis-Fälle um 35 Prozent nach oben, auch Gonorrhö nahm weiter zu. Dieser Kontrast prägt inzwischen das gesamte Bild der sexuellen Gesundheit im Land.
Die Schere zwischen HIV und bakteriellen Infektionen
Mit 39 Neuinfektionen erreicht HIV einen klaren Tiefpunkt. Dieselbe Überwachungsreihe verzeichnete 2022 noch 67 und 2023 noch 53 Neuinfektionen; vor der Pandemie lag der Wert bei rund 49 pro Jahr. Damit ist 2024 das schwächste Jahr der jüngeren Erhebung und liegt sogar unter dem Niveau vor Corona.
Bei den bakteriellen Geschlechtskrankheiten verlief die Entwicklung umgekehrt. Der Bericht zählt 147 Syphilis-Fälle (plus 35 Prozent) und 689 Gonorrhö-Fälle (plus 14 Prozent). Chlamydien, die häufigste der drei Infektionen, blieben mit 1.619 Fällen nahezu stabil – 2023 waren es 1.635. Betroffen sind überdurchschnittlich oft Männer zwischen 20 und 39 Jahren: Rund 78 Prozent der Gonorrhö- und 77 Prozent der Syphilis-Fälle entfielen auf Männer. Die Gesundheitsdirektion weist zudem darauf hin, dass Syphilis zunehmend eine junge Bevölkerung in prekären Lebensverhältnissen erreicht.
Der Trend ist nicht allein luxemburgisch, doch das Großherzogtum fällt auf: In europäischen Statistiken zählt es seit Jahren zu den EU- und EWR-Ländern mit den höchsten Syphilis-Meldequoten – zuletzt etwa 23 Fälle pro 100.000 Einwohner.
Was den HIV-Rückgang trägt
Den Rückgang bei HIV führen Behörden und Präventionsdienste auf ein Zusammenspiel mehrerer Faktoren zurück: mehr Schutz, eine wachsende Nutzung der Präexpositionsprophylaxe (PrEP) und das Prinzip der Behandlung als Vorbeugung. PrEP – ein antiretrovirales Medikament, das HIV-negative Menschen zur Vorbeugung einnehmen – wird über den Service national des maladies infectieuses des Centre Hospitalier de Luxembourg abgegeben und von der Gesundheitskasse CNS erstattet.
Laurence Mortier, die den HIV-Beratungsdienst HIV Berodung des Luxemburgischen Roten Kreuzes leitet, verweist auf »une plus grande protection« – einen größeren Schutz – sowie auf die Einführung von PrEP. Die zweite Säule ist die Therapie selbst: Wer wirksam antiretroviral behandelt wird und eine nicht mehr nachweisbare Viruslast erreicht, kann das Virus nicht weitergeben. Dieses Prinzip ist als »nicht nachweisbar = nicht übertragbar« (U = U) bekannt.
Luxemburgs Versorgungskaskade nähert sich den UNAIDS-Zielen 95-95-95 an: Rund 85 Prozent der Menschen mit HIV sind diagnostiziert, 89 Prozent davon erhalten eine Behandlung, und 95 Prozent der Behandelten haben eine nicht nachweisbare Viruslast. Schätzungsweise 1.500 Menschen leben im Land mit HIV, etwa 60 von ihnen wissen vermutlich nichts von ihrer Infektion – genau diese Lücke sollen die Testkampagnen schließen.
Warum Syphilis und Gonorrhö weiter steigen
Was HIV zurückdrängt, hilft gegen bakterielle Infektionen wenig. Weder PrEP noch die antiretrovirale Therapie schützen vor Syphilis, Gonorrhö oder Chlamydien. Wird in manchen Gruppen seltener zum Kondom gegriffen, können sich diese Erreger ungehindert ausbreiten. Hinzu kommt: Häufigeres und breiteres Testen deckt auch mehr Fälle auf, die früher unentdeckt geblieben wären – ein Teil des Anstiegs spiegelt also bessere Überwachung wider, nicht allein mehr Ansteckungen.
Viele dieser Infektionen verlaufen über lange Zeit ohne Symptome, schaden dem Körper aber dennoch und werden weitergegeben. Deshalb empfehlen die Behörden Menschen mit mehreren Partnerinnen oder Partnern regelmäßige Tests. Das Testen, so das Gesundheitsministerium, sei der wirksamste Weg, eine Infektion aufzuspüren, die »manchmal über Jahre symptomlos bleiben und den Körper dabei irreversibel schädigen« könne.
Wie Luxemburg seine Prävention umbaut
Die Antwort des Landes lautet: einfacher testen, breiter vorbeugen. Kostenlose, anonyme und rezeptfreie HIV- und STI-Tests gab es bei den Europäischen Testwochen – 2025 sowohl im Mai (19. bis 26.) als auch im November (17. bis 24.) – in Kliniken, beim Roten Kreuz und in den Partnerlaboren Ketterthill, Bionext und Laboratoires Réunis. Dazu kommen HIV-Selbsttests, die Verteilung von Kondomen sowie Impfungen gegen HPV und Hepatitis B, ergänzt um PrEP und die Postexpositionsprophylaxe.
Eine landesweite Aufklärungskampagne für 15- bis 25-Jährige, koordiniert von der Jugendinformationsagentur ANIJ auf jugendinfo.lu, lief 2025 über soziale Medien, Schulmaterialien und Veranstaltungen in Jugendzentren – dort also, wo sich die Neuinfektionen konzentrieren. Gesundheitsministerin Martine Deprez versteht das Testen dabei nicht als individuelle Risikoabwägung, sondern als gemeinsame Verantwortung.
»Das Testen ist ein Akt der Fürsorge und der Verantwortung – gegenüber sich selbst, den Partnerinnen und Partnern und den eigenen Angehörigen«, sagte Deprez, Luxemburgs Ministerin für Gesundheit und soziale Sicherheit.
Die Überwachungszahlen erzählen damit eine zweigeteilte Geschichte: eine Präventionsstrategie, die gegen HIV sichtbar wirkt, und eine Gruppe bakterieller Infektionen, die ihr weiter davonläuft. Die Aufgabe für Luxemburgs Präventionsdienste besteht nun darin, die Erfolge gegen das eine Virus auch in den Kampf gegen die übrigen Erreger zu tragen.
Häufig gefragt
- Wie viele HIV-Neuinfektionen gab es 2024 in Luxemburg?
- Der Epidemiologiebericht 2024 verzeichnet 39 HIV-Neuinfektionen, ein Rückgang um 24 Prozent gegenüber 2023. Es ist der niedrigste Wert der jüngeren Überwachungsreihe und liegt unter dem Niveau vor der Pandemie.
- Warum steigen Syphilis und Gonorrhö, während HIV zurückgeht?
- PrEP und die antiretrovirale HIV-Therapie schützen nicht vor bakteriellen Infektionen wie Syphilis, Gonorrhö oder Chlamydien. Seltenerer Kondomgebrauch in manchen Gruppen und häufigeres Testen, das mehr Fälle aufdeckt, tragen zum Anstieg bei.
- Wo kann man sich in Luxemburg auf HIV und STI testen lassen?
- Kostenlose, anonyme und rezeptfreie Tests gibt es während der Europäischen Testwochen in Kliniken, beim Luxemburgischen Roten Kreuz und in Partnerlaboren wie Ketterthill, Bionext und Laboratoires Réunis. Hinzu kommen HIV-Selbsttests.
- Schützt PrEP vor allen Geschlechtskrankheiten?
- Nein. PrEP beugt einer HIV-Infektion vor, bietet aber keinen Schutz vor bakteriellen Geschlechtskrankheiten wie Syphilis, Gonorrhö oder Chlamydien. Dafür bleiben Kondome und regelmäßige Tests entscheidend.
Quellen(8)
- 1Publication du rapport épidémiologique 2024 — bilan des maladies infectieuses au LuxembourgDirection de la santé / Le gouvernement luxembourgeois · dirsante.gouvernement.lu
- 2Protégez-vous: le nombre de cas de syphilis a bondiL'essentiel · lessentiel.lu
- 3Au Luxembourg, se faire dépister du VIH «ça ne coûte rien et c'est important»L'essentiel · lessentiel.lu
- 4Newly Diagnosed HIV Cases in Luxembourg Drop to 53 in 2023Chronicle.lu · chronicle.lu
- 5Présentation du Rapport d'activité 2023 du Comité de Surveillance du SIDA: Baisse des nouvelles infections au VIH!Portail Santé / Le gouvernement luxembourgeois · santesecu.public.lu
- 6Campagnes de prévention et de dépistage contre les infections sexuellement transmissiblesLe gouvernement luxembourgeois · gouvernement.lu
- 7Annual epidemiological report for 2023 — SyphilisEuropean Centre for Disease Prevention and Control (ECDC) · ecdc.europa.eu
- 8Luxembourg on the road to ending the HIV epidemicLuxtoday.lu · luxtoday.lu
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