Jahresbericht 2025
Häusliche Gewalt in Luxemburg: Mehr Einsätze, mehr Wegweisungen, zu wenige Schutzplätze
Die Polizei rückte 2025 fast 1.300 Mal aus, die Staatsanwaltschaft sprach so viele Wegweisungen aus wie nie zuvor. Doch Hilfsdienste warnen: Es fehlen Plätze in den Frauenhäusern.
Von Léa Hoffmann · · 4 Min. Lesezeit

Die Zahl der von der luxemburgischen Polizei registrierten Fälle häuslicher Gewalt ist 2025 erneut gestiegen – und die Stellen, die Betroffene begleiten, berichten von mehr Menschen, die sich Hilfe suchen. Zugleich tut sich das Land schwer damit, ihnen einen sicheren Platz zum Wohnen zu verschaffen.
Die großherzogliche Polizei griff im vergangenen Jahr bei 1.297 Fällen häuslicher Gewalt ein – ein Anstieg um 10,1 Prozent gegenüber 1.178 Fällen im Jahr 2024 und im Schnitt rund 108 Einsätze pro Monat. Das geht aus dem Jahresbericht des Komitees für die Zusammenarbeit zwischen Fachleuten im Bereich der Bekämpfung von Gewalt hervor. Yuriko Backes, Ministerin für Gleichstellung und Diversität, stellte die Zahlen am 26. Juni 2026 dem zuständigen Parlamentsausschuss vor. Die Daten stammen von den Staatsanwaltschaften der Bezirksgerichte Luxemburg und Diekirch, der Polizei, den Opferhilfsdiensten SAVVD, PSYea und ALTERNATIVES sowie von Riicht Eraus, dem Dienst für die Arbeit mit Tätern.
Bei diesen Einsätzen wurden 2.802 mutmaßliche Opfer erfasst – 58 Prozent Frauen, 42 Prozent Männer. Auf Kinder entfielen 29 Prozent der Betroffenen. Die große Mehrheit der Fälle spielte sich im Paarkontext ab: Rund 84 Prozent der Opfer waren in Gewalt durch einen aktuellen oder früheren Ehe- beziehungsweise Lebenspartner verwickelt. Etwa vier von fünf Opfern erlitten körperliche Gewalt.
Wegweisungen auf Rekordniveau
Die Staatsanwaltschaft ordnete 2025 in 334 Fällen die Wegweisung mutmaßlicher Täter aus der gemeinsamen Wohnung an – nach 287 im Jahr zuvor. Das entspricht einem Plus von 16,4 Prozent oder rund 28 Wegweisungen pro Monat, also annähernd einer pro Tag. In 130 Fällen wurde die Maßnahme verlängert. 87,7 Prozent der Weggewiesenen waren Männer; in diesen Fällen waren 81,6 Prozent der Opfer Frauen.
Das Komitee verwies zugleich auf das hartnäckige Problem der Wiederholungstäter. Bei etwa jeder fünften Wegweisung war der Täter den Behörden bereits bekannt, und mehr als die Hälfte dieser Wiederholungstäter erschien nicht bei Riicht Eraus, der Beratungsstelle, an die sie verwiesen werden. Über das Jahr ergingen 201 Gerichtsurteile im Zusammenhang mit häuslicher Gewalt.
Mehr Anzeigen oder mehr Gewalt?
Über den Zahlen schwebt eine zentrale Frage: Spiegeln sie eine tatsächliche Zunahme der Gewalt wider oder eine wachsende Bereitschaft, Hilfe zu holen? Die Verantwortlichen neigen zur zweiten Lesart. Jahrelange Aufklärungskampagnen und klarere Meldewege hätten, so das Argument, mehr Opfer und Zeugen dazu bewogen, die Polizei zu rufen, statt zu schweigen. Bei der Vorstellung des Vorjahresberichts 2025 hatte Backes einen Teil des Anstiegs gegenüber 2023 ebendiesen Sensibilisierungsmaßnahmen und einer höheren Aufmerksamkeit in der Bevölkerung zugeschrieben.
Dennoch wollte die Ministerin die Zahlen nicht als gute Nachricht verstanden wissen.
Die Entwicklung bei den Polizeieinsätzen und den Wegweisungen aus dem familiären Umfeld geht nicht in die richtige Richtung.
Der Bericht lenkt den Blick auch auf Gewaltformen, die erst seit Kurzem stärker beachtet werden. Das Nationale Zentrum für Gewaltopfer (CNVV) begleitete von Ende April 2025 bis Ende April 2026 insgesamt 423 Opfer, darunter 29 Fälle wirtschaftlicher Gewalt – bei der ein Täter über das Geld der Partnerin oder des Partners bestimmt – sowie zwei Opfer sogenannter chemischer Unterwerfung. Auf wirtschaftliche Gewalt entfielen rund sieben Prozent der bei Polizeieinsätzen erfassten Fälle.
Die Schutzhäuser stoßen an Grenzen
Der gravierendste praktische Engpass ist das Wohnen. Olga Strasser, Leiterin des von der NGO Femmes en détresse getragenen Opferhilfsdienstes SAVVD, sagte vor dem Ausschuss, eine Bleibe zu finden sei ein wiederkehrendes Hindernis für Opfer, die ein gewalttätiges Zuhause verlassen wollten. Rund 60 Frauen und ihre Kinder stünden auf einer Warteliste für Plätze in Frauenhäusern.
Luxemburg betreibt derzeit sieben Frauenhäuser mit 166 Notbetten sowie 17 Betten für Männer in Notlagen. Bis Jahresende soll in Rümelingen ein neues Schutzhaus mit 28 zusätzlichen Betten eröffnen. Fachkräfte warnen, dass die Lücke zwischen Bedarf und Kapazität Opfer zwingen kann, bei einem Täter zu bleiben oder zu ihm zurückzukehren.
- 1.297 Polizeieinsätze 2025 (+10,1 %)
- 2.802 mutmaßliche Opfer; 58 % Frauen, 42 % Männer
- 334 Wegweisungen, nach 287 (+16,4 %)
- rund 60 Frauen und Kinder auf der Warteliste für Schutzplätze
Die Antwort der Politik
Die Regierung versteht ihre Strategie als nationale Priorität. Ein nationaler Aktionsplan gegen geschlechtsspezifische Gewalt, den Backes Mitte 2025 vorstellte, umfasst 62 Maßnahmen; nach Angaben von Paperjam sind 40 davon in Umsetzung und vier abgeschlossen. Das Budget des Ministeriums für Gleichstellung und Diversität ist seit 2024 um rund ein Viertel gewachsen, etwa zwei Drittel der Mittel fließen in die Bekämpfung von Gewalt.
Backes fasste den Ansatz als einen zusammen, der nicht allein auf die Polizei setzt.
„Im Kampf gegen häusliche Gewalt stützen wir uns weiterhin auf einen mehrdimensionalen Ansatz, der den Schutz der Opfer, die Begleitung der Täterinnen und Täter sowie die Sensibilisierung verbindet“, sagte sie in einer auf Französisch gehaltenen Erklärung.
Opfer und Zeugen in Luxemburg können vertrauliche Hilfe über den Dienst SAVVD und das nationale Informationsportal violence.lu erhalten, das Meldewege, rechtlichen Schutz und Notunterkünfte erläutert.
Häufig gefragt
- Wie viele Fälle häuslicher Gewalt registrierte die luxemburgische Polizei 2025?
- Die großherzogliche Polizei griff 2025 bei 1.297 Fällen häuslicher Gewalt ein – ein Anstieg um 10,1 Prozent gegenüber 1.178 Fällen im Jahr 2024, im Schnitt rund 108 Einsätze pro Monat.
- Warum steigen die Zahlen?
- Die Behörden führen einen Teil des Anstiegs auf jahrelange Aufklärungsarbeit zurück, die mehr Opfer und Zeugen zur Anzeige bewegt. Ministerin Backes warnt jedoch, dass die Entwicklung bei Einsätzen und Wegweisungen nicht in die richtige Richtung gehe.
- Wo finden Betroffene in Luxemburg Hilfe?
- Vertrauliche Unterstützung bieten der Opferhilfsdienst SAVVD und das nationale Informationsportal violence.lu, das über Meldewege, rechtlichen Schutz und Notunterkünfte informiert.
- Wie viele Schutzplätze gibt es?
- Luxemburg betreibt sieben Frauenhäuser mit 166 Notbetten und 17 Betten für Männer in Notlagen. Rund 60 Frauen und Kinder stehen auf einer Warteliste; ein neues Haus in Rümelingen soll bis Jahresende 28 Betten ergänzen.
Quellen(5)
- 1Luxembourg Records 1,297 Domestic Violence Police Interventions in 2025Chronicle.lu · chronicle.lu
- 2Violences domestiques au Luxembourg: expulsions et interventions en forte hausseL'essentiel · lessentiel.lu
- 3Les interventions pour violence conjugale ont augmenté de 10% en 2025Paperjam · paperjam.lu
- 4La lutte contre la violence domestique continue - le rapport 2025Chambre des Députés du Grand-Duché de Luxembourg · chd.lu
- 5Yuriko Backes présente le Plan d'action national 'Violences fondées sur le genre' et le rapport du Comité de coopérationgouvernement.lu · gouvernement.lu
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