Freiwilligenarmee

Statt Wehrpflicht: Luxemburg wirbt mit früherer Radsportlerin für die Freiwilligenarmee

Während Berlin und Warschau über die Rückkehr der Dienstpflicht streiten, wirbt das Großherzogtum mit einer Hochglanzkampagne und einer früheren WorldTour-Profisportlerin in Uniform.

Von Tom Schmit · · 4 Min. Lesezeit

Soldat in olivgrüner Tarnuniform der luxemburgischen Armee neben einem PRETT-Werbebanner mit dem Löwenwappen.
Ein Informationsstand der luxemburgischen Armee mit „PRETT“-Banner in den Landesfarben und Löwenwappen (keine identifizierbare Person). Illustratives, KI-generiertes Bild. Illustration: KI-generiert — Status

Wenn ein Land Soldaten sucht und sie nicht einziehen will, muss es überzeugen. Luxemburg hat dafür ein bekanntes Gesicht gewählt: Christine Majerus, Jahrgang 1987, war über ein Jahrzehnt eine der erfolgreichsten Sportlerinnen des Großherzogtums – mehrfache nationale Meisterin auf der Straße und im Querfeldein, Olympiateilnehmerin, zuletzt im Trikot von SD Worx–Protime, ehe sie 2024 ihre Karriere beendete. Heute trägt sie eine andere Uniform. Seit Anfang 2025 dient sie als Oberleutnant im Rekrutierungs- und Informationsbüro der luxemburgischen Armee und ist damit zum öffentlichen Gesicht einer Kampagne geworden, die mit hartnäckigen Vorurteilen über den Soldatenberuf aufräumen soll.

Ihre Botschaft lautet, dass die gängigen Klischees um Jahrzehnte veraltet sind. Die Armee, so Majerus, sei längst nicht mehr nur eine Sache von Stiefeln und Gewehren, sondern von Technikerinnen, Spezialisten und Laufbahnen, die dem zivilen Arbeitsmarkt näher kämen, als viele vermuteten.

„Viele Menschen haben noch immer ein völlig falsches Bild von der Armee“, sagte Majerus gegenüber L'essentiel. „Die Realität sieht heute völlig anders aus.“

Eine kleine Truppe, die wachsen will

Luxemburg gehört zu den wenigen europäischen Staaten, die bei der Wehrpflicht nie zögerten: Der Pflichtdienst wurde bereits 1967 abgeschafft, seither stützt sich das Großherzogtum ausschließlich auf Freiwillige. Damit ist die Nachwuchsgewinnung nicht eine politische Randnotiz, sondern das gesamte Fundament der Landesverteidigung.

Die Truppe, die es zu füllen gilt, ist nach jedem Maßstab klein. Nach Zahlen, die das Fachportal Luxtoday zitiert, zählt die luxemburgische Armee rund 1.128 Soldatinnen und Soldaten – fast 200 mehr als im langjährigen Mittel von etwa 900, aber weiterhin winzig im Vergleich zu den Nachbarn. Der Frauenanteil liegt bei rund zwölf Prozent, ein Wert, den die Militärführung offen als zu niedrig bezeichnet.

Und sie soll größer werden. Um die mit der NATO vereinbarten Fähigkeitsziele zu erreichen, will die Armee bis 2035 etwa 650 zusätzliche Stellen schaffen, wie L'essentiel berichtet. Generalstabschef Steve Thull benennt die Hürden allerdings unverblümt: Die Militärlaufbahn ziehe zu wenige Menschen an, und wer sich verpflichte, gehe oft schon wieder, bevor die kostspielige Ausbildung voll genutzt werden könne – während die Einsätze zugleich zahlreicher und technischer würden.

Ein Wort als Markenkern: PRETT

Die Rekrutierungsoffensive hat inzwischen eine eigene Marke. Die Kampagne 2026, entwickelt von der luxemburgischen Agentur VOUS Agency mit Filmen der Produktion MOAST, ruht auf einem einzigen luxemburgischen Wort: PRETT, zu Deutsch „bereit“. Es soll bewusst offen bleiben, damit Interessierte ihre eigenen Beweggründe hineinlegen können – Technikbegeisterung, den Dienst an anderen oder den Wunsch, über sich hinauszuwachsen. Ausgespielt wird die Kampagne über Film, Außenwerbung, Presse und digitale Kanäle.

Das Angebot ist absichtlich breit angelegt. Die Werber betonen, dass die Armee nicht nur einfache Soldaten suche, sondern auch Unteroffiziere, Offiziere und zivile Fachkräfte – etwa in der Cybersicherheit, der Satellitenkommunikation und bei modernen Informationssystemen.

„Es ging darum, die Kluft zwischen dem traditionellen Bild der Armee und der Realität ihrer Möglichkeiten zu verkleinern“, sagte André Hesse, Geschäftsführer der VOUS Agency.

Mehr Geld, längere Bindung

Ein gutes Image allein füllt jedoch keine Kasernen, und so hat die Regierung auch das Portemonnaie gezückt. Am 17. Dezember 2025 verabschiedete der Regierungsrat ein Maßnahmenpaket, das die Armee nach den Worten von Verteidigungsministerin Yuriko Backes zu einem „attraktiven und modernen Arbeitgeber“ machen soll. Laut Chronicle.lu umfassen die Reformen unter anderem:

  • eine Anhebung des Grundsolds freiwilliger Soldaten um 23 Indexpunkte – mindestens rund 530 Euro im Monat –, wodurch der Verdienst im ersten Dienstjahr von etwa 2.166 auf 2.719 Euro steigt;
  • eine Bereitschaftszulage von rund 532 Euro monatlich sowie eine Abgangsprämie von mehr als 14.000 Euro nach 48 Dienstmonaten;
  • eine Verlängerung der ersten aktiven Dienstphase von vier auf fünf Jahre und neue befristete Laufbahnen für Offiziere und Unteroffiziere;
  • die Öffnung für nicht in Luxemburg ansässige EU-Bürger sowie Ausnahmen von den Französisch- oder Deutschkenntnissen – Luxemburgisch bleibt allerdings Pflicht.

„Unser Personal steht im Zentrum all unserer Bemühungen“, sagte Backes. „Sein Einsatz für unsere Sicherheit muss angemessen entlohnt werden.“ Die Ausgaben dahinter wachsen rasch: Der luxemburgische Verteidigungsetat, der 2025 zwei Prozent des Bruttonationaleinkommens entsprach, soll bis 2035 auf 3,5 Prozent steigen. Die aktualisierte Marschroute stellte Backes am 20. Mai 2026 vor.

Gegen den europäischen Trend

Luxemburgs Wette auf Überzeugungskraft fällt gerade deshalb auf, weil weite Teile Europas den umgekehrten Weg gehen. Seit dem russischen Großangriff auf die Ukraine kehrt die Wehrpflicht auf die Tagesordnung des Kontinents zurück. Litauen und Schweden haben einen begrenzten Dienst wieder eingeführt, Lettland reaktivierte 2023 die Einberufung.

Der schärfste Kontrast liegt direkt nebenan. Deutschlands Wehrdienstmodernisierungsgesetz trat am 1. Januar 2026 in Kraft. Der Dienst bleibt vorerst freiwillig, doch jeder 18-jährige Mann muss künftig einen Fragebogen zu Gesundheit und Dienstbereitschaft ausfüllen; eine ärztliche Musterung soll ab Mitte 2027 folgen. Eingebaut ist ein „bedarfsorientierter“ Rückfall in die Wehrpflicht – womöglich per Losverfahren –, falls die Zahl der Freiwilligen nicht reicht. Verteidigungsminister Boris Pistorius peilt 30.000 Freiwillige pro Jahr an, gelockt mit einem Sold von rund 2.600 Euro im Monat. In Polen wiederum hat Ministerpräsident Donald Tusk angekündigt, jeden erwachsenen Mann militärisch ausbilden zu lassen.

Vor diesem Hintergrund setzt Luxemburg darauf, dass eine gut bezahlte, moderne Freiwilligentruppe – beworben von einem vertrauten sportlichen Gesicht statt von einem Einberufungsbescheid – noch genügend Dienstwillige findet. Ob bis 2035 tatsächlich 650 neue Rekruten zusammenkommen, wird zur Probe aufs Exempel. Vorerst greift das Großherzogtum zum Zuckerbrot, während viele seiner Partner – wenn auch widerwillig – nach der Peitsche greifen.

Häufig gefragt

Warum hat Luxemburg keine Wehrpflicht?
Luxemburg schaffte den Pflichtdienst bereits 1967 ab und stützt sich seither ausschließlich auf Freiwillige. Die Nachwuchsgewinnung ist damit das gesamte Fundament der Landesverteidigung – und der Grund für die aufwendige Werbekampagne.
Was verdienen freiwillige Soldaten in Luxemburg künftig?
Nach dem Paket vom 17. Dezember 2025 steigt der Sold im ersten Dienstjahr von rund 2.166 auf 2.719 Euro. Hinzu kommen eine Bereitschaftszulage von rund 532 Euro monatlich und eine Abgangsprämie von mehr als 14.000 Euro nach 48 Dienstmonaten.
Was bedeutet die Kampagne PRETT?
PRETT ist Luxemburgisch für „bereit“. Die 2026 von der VOUS Agency entwickelte Kampagne lässt das Wort bewusst offen, damit Interessierte ihre eigenen Beweggründe – etwa Technik, Dienst an anderen oder Selbstverwirklichung – hineinlegen können.
Wie unterscheidet sich Luxemburg von Deutschland?
Deutschlands Wehrdienstmodernisierungsgesetz trat am 1. Januar 2026 in Kraft: Der Dienst bleibt freiwillig, doch alle 18-jährigen Männer müssen einen Fragebogen ausfüllen, und eine bedarfsorientierte Wehrpflicht ist als Rückfalloption vorgesehen. Luxemburg bleibt rein bei der Freiwilligkeit.
Quellen(10)
  1. 1Luxemburger Armee rekrutiert: Oberleutnantin Majerus räumt mit Klischees aufL'essentiel · lessentiel.lu
  2. 2Government Introduces New Measures to Strengthen Army Recruitment & Career OpportunitiesChronicle.lu · chronicle.lu
  3. 3Luxembourg's armed forces: army composition, recruitment and salariesLuxtoday.lu · luxtoday.lu
  4. 4L'Armée luxembourgeoise prête à recruter avec VOUS AgencyAdada.lu · adada.lu
  5. 5Christine MajerusWikipedia · en.wikipedia.org
  6. 6Luxembourg Armed ForcesWikipedia · en.wikipedia.org
  7. 7BACKES YurikoThe Luxembourg Government · gouvernement.lu
  8. 8Germany: Act to Modernize Military Service Enters into ForceLibrary of Congress (Global Legal Monitor) · loc.gov
  9. 9Federal Cabinet: Military service modernisedGerman Federal Government (bundesregierung.de) · bundesregierung.de
  10. 10The return of conscription? EU countries debate bringing back military serviceEuropean Newsroom · europeannewsroom.com

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