Grenzgängerstreit in der Großregion
Streit ums Pendlergeld: Longwy verlangt von Luxemburg eine Beteiligung an seinen Lasten
In der lothringischen Kleinstadt arbeiten rund 43 Prozent der Erwerbstätigen im Großherzogtum. Bürgermeister Vincent Hamen will, dass Luxemburg Schulen und Verkehr mitfinanziert.
Von Tom Schmit · · 4 Min. Lesezeit

Wer in Longwy wohnt, verdient sein Geld immer häufiger jenseits der Grenze – und versteuert es dort auch. Genau daran entzündet sich der Konflikt, den die lothringische Kleinstadt nun zur offiziellen politischen Forderung erhoben hat. Rund 43 Prozent der erwerbstätigen Einwohner pendeln ins benachbarte Großherzogtum. Für eine Kommune mit etwa 15.600 Menschen, deren Haushalt nicht mit den Löhnen wächst, die ihre Bürger im Ausland erzielen, sei das auf Dauer nicht tragbar, sagt Bürgermeister Vincent Hamen.
Die Klage ist nicht neu, doch sie hat sich verhärtet. Am 27. November 2025 verabschiedete der Departementsrat von Meurthe-et-Moselle, in dem Hamen Vizepräsident für Grenzfragen ist, ein Manifest. Es verlangt vom französischen Staat und von Luxemburg einen „gerechteren" Ausgleich für die Grenzgebiete, einen verbindlichen Verhandlungskalender und die Ernennung eines eigenen interministeriellen Beauftragten, der mit Luxemburg auf Augenhöhe – „von Staat zu Staat" – verhandeln kann.
Eine Stadt im Sog des Großherzogtums
Longwy liegt im Pays-Haut, der nördlichen Spitze Lothringens, eingekeilt zwischen Luxemburg und Belgien. Seine Wirtschaft ist von der Anziehungskraft des Nachbarn geprägt. 2025 arbeiteten nach Zahlen, die aus Daten der IGSS und von STATEC zusammengestellt wurden, rund 126.600 in Frankreich wohnende Menschen in Luxemburg – etwa 3.245 mehr als im Vorjahr. Damit stellen die Franzosen mit gut 55 Prozent die größte Gruppe der insgesamt 233.260 Grenzgänger des Landes; auf Deutschland entfallen 53.360, auf Belgien 53.300.
Diese Sogwirkung belastet die kommunalen Dienste auf eine Weise, die sich nicht als Wachstum niederschlägt. Hamen verweist auf die Kinderbetreuung und die außerschulischen Angebote, die ausgebaut werden müssen, obwohl sich die Schülerzahlen verschieben: Für das Schuljahr 2025 zählte die Stadt insgesamt 75 Kinder weniger, zugleich aber einen Anstieg der Nachfrage nach Betreuung um rund 30 Prozent. Die Einkommensteuer, die das mitfinanzieren würde, fließt nach Luxemburg, wo die Pendler arbeiten – nicht nach Frankreich, wo sie schlafen, ihre Kinder großziehen und die Straßen nutzen.
Wir müssen unsere Dienste ausbauen können und weiter gehen als bis zur bloßen Finanzierung eines Parkplatzes.
Was Longwy verlangt
Im Kern fordert Hamen direkte finanzielle Ausgleichszahlungen Luxemburgs für die öffentlichen Leistungen, auf die seine Pendler angewiesen sind – ausgehandelt auf Regierungsebene und nicht einem Rathaus überlassen. Frühere Gesten Luxemburgs, etwa die Mitfinanzierung eines Pendlerparkplatzes, nennt er willkommen, aber bei Weitem nicht ausreichend. Das Manifest geht weiter und beruft sich ausdrücklich auf das schweizerisch-französische Vorbild.
„Es ist dringend, auf die Erwartungen unserer Mitbürger zu antworten", erklärte Hamen. Er appelliere an den französischen Staat und verlange „gerechte finanzielle Ausgleichszahlungen nach dem Modell der Abkommen zwischen Frankreich und dem Kanton Genf in der Schweiz". Nach Berechnungen von Grenzverantwortlichen könnte allein Longwy bei einer Formel nach Genfer Vorbild zwischen 2,8 und 3,6 Millionen Euro im Jahr erhalten. Für ganz Frankreich beziffern sie den möglichen Anspruch auf 192 bis 247 Millionen Euro jährlich, wobei Thionville und Metz zu den größten potenziellen Nutznießern zählen.
Luxemburgs Gegenangebot: Projekte statt Schecks
Luxemburg lehnt eine dauerhafte Rückerstattung beharrlich ab. Das Großherzogtum zahle bereits, argumentiert es – durch gezielte Investitionen statt durch offene Transfers. Auf frühere grenzüberschreitende Forderungen antwortete das Finanzministerium schriftlich:
„Luxemburg trägt bereits jetzt über seine Grenzen hinaus zur Finanzierung von Infrastrukturen bei, die für den Alltag der Grenzgänger nützlich und vorteilhaft sind."
Das Ministerium verweist auf ein bilaterales Verkehrspaket: 2018 vereinbarte 120 Millionen Euro, im Oktober 2021 um weitere 110 Millionen für den Bahnbetrieb aufgestockt, dazu acht Kooperationsabkommen mit Frankreich. Das sichtbarste Beispiel steht in Longwy selbst. Am 1. August 2025 weihte die luxemburgische Mobilitätsministerin Yuriko Backes dort eine neue Park-and-Ride-Anlage mit 633 Stellplätzen ein, errichtet im Rahmen des Pariser Abkommens von 2018 und seines Zusatzes von 2021. Luxemburg trug die Hälfte der Kosten von 4,3 Millionen Euro – rund 2,15 Millionen. Für Hamen ist das zugleich der Beweis, dass das Großherzogtum zahlen kann; die Frage seien nun Umfang und Form, nicht das Prinzip.
Vorbilder in Arlon und in Genf
Was die französische Frustration verschärft: Bei einem Nachbarn tut Luxemburg längst fast genau das, was Longwy verlangt. Aufgrund einer langjährigen Regelung zahlt es belgischen Gemeinden einen Ausgleichsfonds, der sich 2025 auf rund 48 Millionen Euro beläuft, auf 553 Kommunen verteilt wird und bis 2031 auf etwa 72 Millionen steigen soll. Den größten Anteil erhält die Stadt Arlon mit rund 8,7 Millionen Euro. Frankreich, das weit mehr Pendler entsendet, geht leer aus.
Das im Manifest genannte Genfer Modell ist noch älter: Seit 1973 erstattet der Schweizer Kanton 3,5 Prozent der Bruttolohnsumme der Grenzgänger an die benachbarten französischen Departements Haute-Savoie und Ain zurück – rund 250 Millionen Euro im Jahr. Französische Analysten schätzen, dass den lothringischen Grenzgebieten zusammen jährlich in der Größenordnung von 1,7 Milliarden Euro an Steuern entgehen, die stattdessen nach Luxemburg fließen.
Nachdem sich nun auch deutsche Grenzvertreter und die Ratspräsidentin Chaynesse Khirouni dem Druck angeschlossen haben, ist aus dem Unmut eines einzelnen Bürgermeisters eine Bruchlinie der gesamten Großregion geworden. Bis 2035 werden rund 50.000 zusätzliche Grenzgänger erwartet. Wie sich die grenzüberschreitende Rechnung aufteilt – auf Projekte, auf Zahlungen oder auf einen Beauftragten mit Verhandlungsvollmacht für beides –, bleibt vorerst offen.
Häufig gefragt
- Was genau fordert Longwy von Luxemburg?
- Bürgermeister Vincent Hamen verlangt direkte finanzielle Ausgleichszahlungen für die öffentlichen Dienste – Schulen, Betreuung, Verkehr und Infrastruktur –, die von den nach Luxemburg pendelnden Einwohnern beansprucht werden. Zudem soll Frankreich einen interministeriellen Beauftragten ernennen, der mit Luxemburg auf Regierungsebene verhandelt.
- Warum verweigert Luxemburg dauerhafte Rückerstattungen?
- Luxemburg bevorzugt die Mitfinanzierung konkreter, nützlicher Projekte – vor allem im Verkehr – gegenüber dauerhaften Rückerstattungen oder „Blankoschecks". Das Finanzministerium verweist auf 120 Mio. Euro (2018) und weitere 110 Mio. Euro (2021) für den Bahnverkehr sowie auf acht Kooperationsabkommen mit Frankreich.
- Was ist das Genfer Modell, auf das sich Longwy beruft?
- Seit 1973 erstattet der Schweizer Kanton Genf 3,5 Prozent der Bruttolohnsumme seiner Grenzgänger an die benachbarten französischen Departements zurück – rund 250 Millionen Euro pro Jahr. Longwy fordert eine vergleichbare Regelung mit Luxemburg.
- Zahlt Luxemburg bereits an andere Nachbarländer?
- Ja. An belgische Gemeinden zahlt Luxemburg einen Ausgleichsfonds von rund 48 Millionen Euro (2025), der bis 2031 auf etwa 72 Millionen steigen soll und auf 553 Kommunen verteilt wird. Die Stadt Arlon erhält mit rund 8,7 Millionen Euro den größten Anteil. Frankreich erhält bislang keinen vergleichbaren Ausgleich.
Quellen(9)
- 1Frontaliers: Longwy réclame au Luxembourg un financement de ses services publicsL'essentiel · lessentiel.lu
- 2Des élus frontaliers demandent des millions de rétrocessionPaperjam · paperjam.lu
- 3France-Luxembourg : un plaidoyer pour en finir avec les inégalités transfrontalièresMission Opérationnelle Transfrontalière (MOT) · espaces-transfrontaliers.org
- 4Inauguration du nouveau P+R de LongwyLe gouvernement luxembourgeois · gouvernement.lu
- 5Rétrocession fiscale: L'urgence d'un chantier en fricheForum.lu · forum.lu
- 6Ils réclament des millions au Luxembourg, le ministère leur répondL'essentiel · lessentiel.lu
- 748M€ du Luxembourg pour 553 communes belgesPaperjam · paperjam.lu
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