Naher Osten

Libanon am Scheideweg: Hisbollah verweigert die Waffenabgabe

Ein in Washington unterzeichnetes Rahmenabkommen knüpft den israelischen Rückzug an die Entwaffnung der Hisbollah. Die Miliz spricht von Kapitulation – ein Abgeordneter warnt offen vor Bürgerkrieg.

Von Camille Reuter · · 5 Min. Lesezeit

Soldat der libanesischen Streitkräfte in Tarnuniform mit Zedern-Hoheitszeichen an einem Kontrollpunkt auf einer kriegsbeschädigten Straße im Südlibanon, von hinten aufgenommen.
Ein Soldat der libanesischen Streitkräfte (LAF) an einem Kontrollpunkt im kriegsversehrten Südlibanon. Illustrative, KI-generierte Darstellung. Illustration: KI-generiert — Status

BEIRUT – Ein von den USA vermitteltes Abkommen sollte den jüngsten Krieg des Libanon beenden. Stattdessen hat es den tiefsten innenpolitischen Bruch seit einer Generation offengelegt. Das am 26. Juni in Washington von den Regierungen Libanons und Israels unterzeichnete Rahmenwerk umfasst 14 Punkte und verknüpft jeden israelischen Rückzug aus dem Südlibanon mit der überprüften Entwaffnung der Hisbollah. Genau diese Forderung weist die vom Iran gestützte Bewegung kategorisch zurück – und stellt damit die Machtfrage zwischen Miliz und libanesischem Staat neu.

Der Text verpflichtet die Regierung in Beirut auf ein „rigoroses, leistungsbasiertes Programm“, das den libanesischen Streitkräften (LAF) die volle militärische und sicherheitspolitische Kontrolle sichern und die nichtstaatlichen Gruppen entwaffnen soll. Im Gegenzug würde sich Israel schrittweise über zwei zunächst eingerichtete „Pilotzonen“ zurückziehen. Ein vertraulicher Sicherheitsanhang, der die Abfolge des Abzugs regelt, wurde nicht veröffentlicht. Die Führung der Hisbollah brandmarkte das Abkommen als Unterwerfung; in den südlichen Vororten Beiruts gingen Anhänger auf die Straße.

Ein Land, das noch unter Schock steht

Das Rahmenwerk trifft auf eine erschöpfte Nation. Am 2. März 2026 flammten die Kämpfe erneut auf – nur Tage nach der Ermordung des obersten iranischen Führers –, als die Hisbollah Geschosse auf Nordisrael abfeuerte und Israel eine breit angelegte Luft- und Bodenoffensive startete. Bis zum Inkrafttreten einer von Washington verkündeten Waffenruhe am 16. April waren nach Angaben libanesischer Gesundheitsbehörden und nach Zählungen internationaler Medien mehr als 4.200 Menschen getötet und über 1,2 Millionen vertrieben worden – mehr als ein Fünftel der Bevölkerung.

Präsident Joseph Aoun, der frühere Armeechef, der seine Amtszeit auf die Wiederherstellung staatlicher Autorität gegründet hat, nannte das Abkommen den „ersten Schritt auf dem Weg zur Wiederherstellung der Souveränität Libanons“. Ministerpräsident Nawaf Salam erklärte, es ziele darauf ab, den israelischen Rückzug aus dem gesamten libanesischen Staatsgebiet zu sichern. Die Hisbollah sah das grundlegend anders.

„Den israelischen Rückzug an die Entwaffnung des Widerstands im gesamten Libanon zu knüpfen, ist ein höchst gefährliches Ansinnen, das alle roten Linien überschreitet.“ – Naim Kassem, Generalsekretär der Hisbollah

Kassem bezeichnete das Washingtoner Rahmenwerk als „demütigend, beschämend und einen Verrat an der Souveränität“ und erklärte es aus Sicht seiner Bewegung für „nicht existent“. Noch bedrohlicher fiel die Äußerung des Hisbollah-Abgeordneten Hassan Fadlallah aus: Die Behörden könnten das Abkommen nur durchsetzen, wenn sie bereit seien, „in den Bürgerkrieg zu ziehen“ – eine offene Anspielung auf den Konflikt von 1975 bis 1990, dessen Narben das Land bis heute prägen.

Geschwächt, aber nicht bereit, die Waffen niederzulegen

Die Hisbollah geht materiell stark angeschlagen in diese Kraftprobe. Zwei Kriege mit Israel – 2024 und erneut in diesem Frühjahr – kosteten zahlreiche ihrer Kommandeure das Leben, und der Sturz Baschar al-Assads in Syrien Ende 2024 durchtrennte ihren wichtigsten Waffenkorridor aus dem Iran. Die Tötung des iranischen Revolutionsführers im Februar erschütterte zusätzlich das Geflecht der Patronage, das die Miliz lange trug.

Doch geschwächt heißt nicht am Ende. Die Gruppe bleibt der am schwersten bewaffnete Akteur des Landes und verfügt über eine disziplinierte Basis. Die libanesische Armee meldete den Abschluss einer ersten Entwaffnungsphase südlich des Litani-Flusses, doch die Hisbollah beharrt darauf, dass die Waffenruhe nur dort gelte, und verweigert die Abgabe ihrer Waffen weiter nördlich. Die Regierung in Beirut, die die militärischen Aktivitäten der Gruppe förmlich verboten hat, muss nun eine weitaus schwierigere zweite Phase durchsetzen, für die das Kabinett selbst mindestens vier Monate veranschlagte.

Wie nah ist der Abgrund?

Bei aller Beunruhigung halten die meisten Analysten und Konfliktbeobachter einen vollständigen Rückfall in den Bürgerkrieg kurzfristig für unwahrscheinlich. Das Armed Conflict Location & Event Data Project (ACLED) stuft einen offenen Bürgerkrieg als „ferne Möglichkeit“ ein, die sich „nicht ausschließen“ lasse, warnt zugleich aber vor anhaltenden Unruhen – Protesten, Ausschreitungen und lokal begrenzten Zusammenstößen – als dem wahrscheinlicheren Szenario. Der wichtigste stabilisierende Faktor sind sich die Fachleute einig, ist die LAF: eine seltene überkonfessionelle Institution, die öffentliches Vertrauen und internationale Rückendeckung genießt.

Die Bruchlinien sind dennoch real:

  • Konfessionell: Die Vertreibung schiitischer Gemeinschaften in gemischte Gebiete hat – zusammen mit dem Verbot des militärischen Arms der Hisbollah – die Spannungen in Beirut, der Bekaa-Ebene und im Raum Sidon verschärft.
  • Institutionell: Jeder Versuch der LAF, Hisbollah-Waffen zu beschlagnahmen, birgt das Risiko von Zusammenstößen – und sogar von Rissen innerhalb einer Armee, in der schiitische Soldaten dienen, die mit der Gruppe sympathisieren.
  • Ökonomisch: Ein seit dem Finanzkollaps von 2019 bankrotter Staat kann einen Wiederaufbau, den die Weltbank auf rund elf Milliarden Dollar beziffert, nicht finanzieren – und überlässt rivalisierenden ausländischen Geldgebern das Feld, sich Loyalität zu erkaufen.

„Es wäre ein schwerer Fehler anzunehmen, die Hisbollah sei am Ende“, mahnte Michael Young vom Carnegie Middle East Center, der gleichwohl argumentiert, Erschöpfung und iranische Zurückhaltung machten einen inneren Krieg vorerst unwahrscheinlich.

Warum Europa genau hinschaut

Die Krise hat unmittelbare Folgen für das nördliche Mittelmeerufer. Wiederaufbaugelder aus den Golfstaaten und vom Westen werden ausdrücklich daran geknüpft, dass keine Mittel an die Hisbollah fließen – das Rahmenwerk verpflichtet Beirut und Washington, jede Finanzierung nichtstaatlicher bewaffneter Gruppen zu unterbinden. Damit wird Hilfe zugleich zum Druckmittel und zum potenziellen Auslöser. Parallel läuft die UN-Friedenstruppe UNIFIL aus, die den Süden seit 1978 überwacht: Der Sicherheitsrat hat ihr Mandat zum 31. Dezember 2026 befristet, der Abzug zieht sich bis 2027 hin. Frankreich und Italien erwägen eine Nachfolgekoalition, um die Lücke zu schließen.

Ein erneuter Zusammenbruch des Libanon hätte spürbare Folgen für die Sicherheits- und Migrationslage Europas, denn eine neue Vertreibungswelle träfe einen ohnehin angespannten Kontinent. Vorerst verharrt das Land in einem unsicheren Schwebezustand – zu erschöpft für den Krieg, zu zerrissen für den Frieden –, während die Entwaffnungsuhr tickt und keine Seite die Erste sein will, die nachgibt.

Häufig gefragt

Was steht im Washingtoner Rahmenabkommen?
Das 14-Punkte-Abkommen, unterzeichnet am 26. Juni 2026, verknüpft jeden schrittweisen israelischen Rückzug aus dem Südlibanon mit der überprüften Entwaffnung der Hisbollah und anderer nichtstaatlicher Gruppen. Israel soll sich über zwei „Pilotzonen“ zurückziehen; ein Sicherheitsanhang mit den Details wurde nicht veröffentlicht.
Warum lehnt die Hisbollah das Abkommen ab?
Generalsekretär Naim Kassem bezeichnet die Verknüpfung von israelischem Rückzug und Entwaffnung als Überschreitung aller roten Linien und als „demütigend, beschämend und einen Verrat an der Souveränität“. Die Miliz akzeptiert eine Entwaffnung nur südlich des Litani-Flusses, nicht darüber hinaus.
Droht dem Libanon ein neuer Bürgerkrieg?
Die meisten Beobachter halten einen vollständigen Bürgerkrieg kurzfristig für unwahrscheinlich. Das ACLED nennt ihn eine „ferne Möglichkeit“, die sich nicht ausschließen lasse; wahrscheinlicher seien anhaltende Unruhen. Als wichtigster Stabilitätsanker gilt die überkonfessionelle Armee.
Welche Bedeutung hat die Krise für Europa?
Ein erneuter Kollaps könnte neue Fluchtbewegungen auslösen und Europas Sicherheits- und Migrationslage belasten. Zudem läuft die UN-Mission UNIFIL Ende 2026 aus; Frankreich und Italien prüfen eine Nachfolgekoalition für den Südlibanon.
Quellen(13)
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  6. 6Is civil unrest poised to escalate in Lebanon?ACLED (Armed Conflict Location & Event Data Project) · acleddata.com
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  11. 11Lebanon and the end of UNIFIL's mandate in 2026UK House of Commons Library · commonslibrary.parliament.uk
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