Wirtschaftsreform
Kuba öffnet die Wirtschaft: Privatbanken und große Privatfirmen erstmals erlaubt
Havanna gibt unter dem Druck von Stromkrise und Währungsverfall tragende Säulen der Planwirtschaft auf. Das Parlament billigte 176 Maßnahmen – die tiefste Zäsur seit 1959.
Von Jonas Thill · · 4 Min. Lesezeit

HAVANNA — Kuba wagt die tiefgreifendste Umgestaltung seiner Wirtschaft seit der Revolution von 1959. Mit einem Paket aus 176 Maßnahmen legalisiert die Insel Privatbanken, private Wechselstuben und große Privatunternehmen – ein Befreiungsschlag gegen einen Niedergang, der weite Teile des Landes ohne verlässlichen Strom, ohne ausreichende Lebensmittel und ohne funktionierende Währung zurückgelassen hat.
Das von Ministerpräsident Manuel Marrero Cruz vorgelegte und von der Nationalversammlung am 18. und 19. Juni gebilligte Paket räumt tragende Pfeiler jenes zentral gelenkten Systems beiseite, das Kuba seit mehr als sechs Jahrzehnten bestimmt. Staatspräsident Miguel Díaz-Canel nannte die Schritte vor den Abgeordneten dringend und nicht länger aufschiebbar. Zugleich beharrte er darauf, es handele sich um eine wirtschaftliche, keine politische Entscheidung – eine Frage der Souveränität und kein Zugeständnis an Washington. Als Vorbilder verwies er auf China und Vietnam, Einparteienstaaten mit Marktwirtschaft, wie Reuters berichtete. Seine Rede beschloss er mit der Revolutionsparole „Sozialismus oder Tod!".
Was sich konkret ändert
Die Führung beschreibt das Paket als kontrollierte Öffnung, nicht als Sprung in den Kapitalismus. Doch seine Reichweite ist beispiellos. Zu den wichtigsten Punkten, über die unter anderem Associated Press, Agence France-Presse, Euronews und Al Jazeera berichteten, zählen:
- Erstmals dürfen Privatbanken, nichtbankliche Finanzinstitute und private Wechselstuben tätig werden – in einem Finanzsektor, den der Staat über Jahrzehnte allein beherrschte.
- Ausländische Investoren müssen keine Gemeinschaftsunternehmen mehr mit dem Staat gründen; Kubaner wie Ausländer können Anteile an Staatsbetrieben erwerben.
- Staatsbetriebe lassen sich in Aktiengesellschaften umwandeln, und große Privatunternehmen, bislang verboten, werden zugelassen.
- Privatfirmen dürfen mehr als 100 Beschäftigte einstellen, Unternehmer mehrere Betriebe besitzen, und im Ausland lebende Kubaner dürfen in der Heimat investieren.
- Auch private Immobilienentwicklung, Fast-Food-Ketten sowie Im- und Exporte ohne staatliche Zwischeninstanz werden möglich.
Marrero mahnte, die Umsetzung werde schrittweise erfolgen. Die Regierung räumte ein, die Wirkung der Maßnahmen bleibe begrenzt, solange die Vereinigten Staaten ihr Embargo nicht aufheben: Wer mit Kuba Geschäfte macht, riskiert weiterhin Strafen im US-Finanzsystem.
Eine Währung im freien Fall
Die Reformen treffen auf eine ohnehin tief erschütterte Geldordnung. Am 18. Dezember 2025 führte die Zentralbank einen Devisenmarkt in drei Segmenten ein: einen festen Kurs von 24 Pesos je Dollar für unverzichtbare Geschäfte, eine zweite Stufe bei 120 Pesos und einen dritten, täglich nach Angebot und Nachfrage schwankenden Kurs, der Exporteure und Devisen zurück in die offiziellen Kanäle locken soll.
Den Absturz hat das nicht gebremst. Mitte Juni 2026 war der Dollar auf dem informellen Markt auf rund 695 Pesos geklettert – Anfang des Monats waren es noch etwa 585 –, der Euro auf etwa 800 Pesos, während der offizielle Schwankungskurs bei etwa 565 Pesos verharrte. Das meldet der unabhängige Beobachter elTOQUE, zitiert von der Havana Times. 2020 kostete ein Dollar auf der Straße noch rund 42 Pesos; seither hat die Währung mehr als 90 Prozent ihres informellen Wertes eingebüßt und Löhne wie Renten ausgehöhlt.
Die Zentralbank verteidigt ihren vorsichtigen, gestaffelten Kurs beim Abbau des kubanischen Wechselkurs-Wirrwarrs.
Eine sofortige Vereinheitlichung des Wechselkurses ohne Übergangsphase könnte eine starke Abwertung auslösen, mit stärkeren inflationären Folgen als den jetzigen und einem weiteren Verlust der Kaufkraft der Landeswährung. — Juana Lilia Delgado Portal, Präsidentin der kubanischen Zentralbank, im Dezember
Warum Havanna jetzt handelt
Die Öffnung ist aus der Not geboren. Kuba durchlebt seine schwerste Krise seit Jahrzehnten. Stromausfälle dauern regelmäßig länger als 20 Stunden, mitunter mehr als 30. Der Energiekollaps zieht sich durch jeden produktiven Bereich, von den Zuckermühlen bis zu den Bäckereien.
Unmittelbarer Auslöser ist der Treibstoffmangel. Die Regierung von US-Präsident Donald Trump verschärfte das seit Jahrzehnten bestehende Embargo und verhängte seit Januar 2026 – nach dem Sturz des venezolanischen Staatschefs Nicolás Maduro, des wichtigsten Öllieferanten Havannas – eine Blockade für Öllieferungen. Laut AFP legte seit Jahresbeginn nur ein einziger russischer Öltanker an. Kuba benötigt rund 100.000 Barrel Öl pro Tag, fördert aber nur etwa 40.000, wie die Americas Society/Council of the Americas berichtet. Die Engpässe bei Nahrung, Medikamenten und Trinkwasser haben sich verschärft; schätzungsweise 2,7 Millionen Kubaner sind seit 2020 ausgewandert.
Wird die Wende gelingen?
Ökonomen werten das Paket als echten ideologischen Rückzug – warnen aber, der Nutzen dürfte überschaubar bleiben, solange Sanktionen und Energienot anhalten. Der in London ansässige kubanische Ökonom Daniel Torralbas nannte die Reformen „die tiefgreifendsten" seit 1959. Andere deuten den Schritt eher als Zeichen der Schwäche denn des Selbstvertrauens. Michael Bustamante, Inhaber des Lehrstuhls für Kuba-Studien an der University of Miami, sagte der Nachrichtenagentur AFP, die Führung stehe „mit dem Rücken zur Wand wie nie zuvor".
Die Zahlen unterstreichen, was auf dem Spiel steht. Das offizielle Zentrum für das Studium der kubanischen Wirtschaft schätzt den Rückgang der Wirtschaftsleistung 2025 auf rund fünf Prozent, seit 2020 auf etwa 15 Prozent. Für 2026 erwartet die UN-Kommission ECLAC ein Minus von etwa 6,5 Prozent, der Internationale Währungsfonds und die Economist Intelligence Unit rund 7,2 Prozent – während der eigene Regierungsplan ein Wachstum von einem Prozent vorsah. Der Ökonom Pedro Monreal warnte, der Einbruch könne mindestens 15 Prozent erreichen. Die Zuckerproduktion, einst das Rückgrat der Wirtschaft, fiel 2025 unter 200.000 Tonnen – der niedrigste Wert seit mehr als zwei Jahrhunderten.
Ob Kubas Führung dem beschworenen asiatischen Vorbild folgen kann – Markt ohne politischen Pluralismus –, wird von der Umsetzung im Inneren und von Kräften jenseits ihrer Kontrolle abhängen. Vorerst vollzieht sich die Demontage einer der letzten Kommandowirtschaften der Welt nicht als triumphale Reform, sondern als Kampf ums Überleben.
Häufig gefragt
- Was genau hat Kubas Parlament beschlossen?
- Die Nationalversammlung billigte am 18. und 19. Juni 2026 ein Paket aus 176 Wirtschaftsmaßnahmen. Sie erlauben unter anderem Privatbanken, private Wechselstuben, große Privatfirmen, ausländische Beteiligungen an Staatsbetrieben sowie Im- und Exporte ohne staatliche Zwischeninstanz.
- Warum handelt Kuba ausgerechnet jetzt?
- Das Land durchlebt seine schwerste Krise seit Jahrzehnten: Stromausfälle von über 20 Stunden, akuter Treibstoffmangel und ein verschärftes US-Embargo mit Ölblockade seit Januar 2026. Die Wirtschaft schrumpfte 2025 um etwa fünf Prozent, der Peso hat massiv an Wert verloren.
- Wie steht es um den kubanischen Peso?
- Seit dem 18. Dezember 2025 gilt ein Devisenmarkt in drei Segmenten (24, 120 und ein schwankender Kurs je Dollar). Mitte Juni 2026 erreichte der Dollar auf dem informellen Markt rund 695 Pesos; seit 2020 büßte die Währung mehr als 90 Prozent ihres informellen Wertes ein.
- Werden die Reformen die Krise lösen?
- Ökonomen werten sie als tiefgreifendsten Wandel seit 1959, warnen aber vor begrenzter Wirkung. Solange die US-Sanktionen gelten und Energie knapp bleibt, schrecken Investoren wegen drohender Strafen im US-Finanzsystem zurück.
Quellen(12)
- 1Cuba passes sweeping free-market reforms in biggest economic shift since revolutionPBS NewsHour (Associated Press) · pbs.org
- 2Cuba approves unprecedented free-market reforms in effort to stave off economic collapseCBS News (AFP) · cbsnews.com
- 3Cuba adopts historic package of free-market reformsAsharq Al-Awsat (AFP) · english.aawsat.com
- 4Cuba adopts historic package of free-market reformsYahoo News (AFP, Clare Byrne) · yahoo.com
- 5Cuba's Communist Party approves opening economy in unprecedented moveAl Jazeera · aljazeera.com
- 6Cuba approves economic reforms to expand private investmentEuronews · euronews.com
- 7Cuban lawmakers approve sweeping reforms to privatize vast swath of economyCBC News · cbc.ca
- 8The foreign exchange market in Cuba is undergoing transformationGranma (official) · en.granma.cu
- 9Seven Charts on Cuba's Economic WoesAmericas Society/Council of the Americas (AS/COA) · as-coa.org
- 10Cuba's economy fell by 5% in 2025, according to an official research centerCiberCuba (citing CEEC) · en.cibercuba.com
- 11Pedro Monreal warns of a potential decline in Cuba's GDP of at least 15% in 2026CiberCuba · en.cibercuba.com
- 12Cuba Has a New US Dollar-Peso Exchange RateHavana Times · havanatimes.org
Zum selben Thema

Ein 500-Milliarden-Fonds ohne Krise: Luxemburgs ESM sucht eine neue Bestimmung


Wie der Stromhunger der KI Google und Amazon von ihren Klimazielen entfernt
