Rohstoffe & Kolonialerbe
Kongo-Akten in Tervuren: Belgiens Kolonialarchiv wird zum Schlüssel im Wettlauf um Rohstoffe
Mit EU-Geldern digitalisiert das AfricaMuseum 500 Regalmeter geologischer Kongo-Akten – nachdem Belgien einem von Gates und Bezos finanzierten US-Unternehmen den exklusiven Zugriff verwehrt hat.
Von Tom Schmit · · 5 Min. Lesezeit

Auf knapp 500 Regalmetern lagert im AfricaMuseum im belgischen Tervuren das geologische Gedächtnis eines der rohstoffreichsten Länder der Erde: Millionen Karten, Vermessungsberichte, Bohrprotokolle und Feldnotizen, die zwischen 1885 und 1960 unter belgischer Kolonialherrschaft im Kongo zusammengetragen wurden. Nun soll dieser Bestand gehoben werden. Das Museum hat zugesagt, das Archiv innerhalb von rund fünf Jahren zu digitalisieren und öffentlich zugänglich zu machen, wie die Nachrichtenagentur AFP am Freitag berichtete. Das EU-finanzierte Projekt mit einem europäischen Auftragnehmer befindet sich derzeit in der Vorbereitungsphase; wissenschaftlicher Partner ist der Nationale Geologische Dienst der Demokratischen Republik Kongo. Weitere rund 500 Meter Unterlagen, geerbt von ehemaligen kolonialen Bergbaugesellschaften, liegen im Staatsarchiv in Brüssel.
Dass es dabei um weit mehr geht als um Wissenschaftsgeschichte, zeigt ein Blick auf die Weltkarte der kritischen Rohstoffe. Die Dokumente verzeichnen, wie der Untergrund des Kongo kartiert und ausgebeutet wurde – und kongolesische Regierungsvertreter sind überzeugt, dass sie den Weg zu unentdeckten Vorkommen von Kupfer, Kobalt, Lithium und Coltan weisen könnten, den Grundstoffen für Elektroautos, erneuerbare Energien und moderne Rüstungstechnik. Nach Angaben des US-Geologiedienstes USGS entfielen 2024 rund 76 Prozent der weltweit geförderten Kobaltmenge auf die DR Kongo; beim Kupfer ist das Land der zweitgrößte Produzent der Welt. Das Bergbauministerium in Kinshasa schätzt, dass etwa 90 Prozent der Bodenschätze des Landes noch unerschlossen sind.
Ein Angebot aus dem Silicon Valley – und eine Absage aus Brüssel
Ins Rollen brachte die Sache ausgerechnet ein privater Interessent. KoBold Metals, ein kalifornisches Explorationsunternehmen, das mit künstlicher Intelligenz nach Lagerstätten sucht und von Bill Gates und Jeff Bezos finanziert wird, schloss 2025 Vereinbarungen mit der kongolesischen Regierung und bot an, das Archiv in Tervuren selbst zu digitalisieren. Kinshasa unterstützte den Plan; nach Berichten des belgischen öffentlich-rechtlichen Senders VRT machte die Trump-Regierung zudem auf diplomatischem Weg Druck auf Belgien, dem Unternehmen den Zugang zu gewähren.
Brüssel lehnte ab. „Belgien kann einem ausländischen Unternehmen oder einer privaten Einrichtung, mit der es keine vertragliche Beziehung unterhält, keinen exklusiven Zugang gewähren“, sagte Florinda Baleci, Sprecherin des belgischen Außenministeriums, im März der Nachrichtenagentur Reuters. Noch grundsätzlicher wurde der Generaldirektor des Museums, Bart Ouvry:
„Wir können die Verwaltung von Sammlungen nicht an private Unternehmen delegieren – das würde gegen jede wissenschaftliche und institutionelle Ethik verstoßen.“
Stattdessen setzt das Museum auf sein eigenes, mit erheblichen EU-Mitteln finanziertes Digitalisierungsprogramm. KoBold wiederum ließ sich nicht entmutigen: An einer Universität in Lubumbashi hat das Unternehmen rund 170.000 Seiten staatlicher kongolesischer Bergbauunterlagen digitalisiert, zudem betreibt es im Land ein Explorationsprogramm für Lithium. „Dieses Land braucht mehr Investitionen in die Exploration“, sagte KoBolds Generaldirektor für die DR Kongo, Benjamin Katabuka, gegenüber Reuters.
Kinshasa und Brüssel einigen sich auf einen Fahrplan
Der Streit hat eine umfassendere Verständigung zwischen beiden Hauptstädten beschleunigt. Am 9. Juni traf der kongolesische Bergbauminister Louis Watum Kabamba in Brüssel mit belgischen und EU-Vertretern zusammen; beide Seiten vereinbarten einen gemeinsamen Fahrplan für die Digitalisierung und Restitution der Unterlagen sowie eine gemeinsame Arbeitsgruppe, die das Vorhaben mit den kongolesischen Institutionen steuern soll. Ein Sprecher der belgischen Regierung erklärte, digitale Kopien würden bereits schrittweise an die zuständigen kongolesischen Behörden übermittelt.
Für kongolesische Forscher und Beamte geht es um mehr als um Prospektion. Die Akten dokumentieren das Konzessionssystem, mit dem koloniale Bergbaugesellschaften den Kupfergürtel Katangas unter sich aufteilten, und die Gewinne, die nach Brüssel flossen – ein Zeugnis der Ausbeutung, das nach Auffassung Kinshasas zumindest in Kopie dem Land gehört, das es beschreibt. Und die geologischen Bestände sind nur ein Ausschnitt eines viel größeren Ganzen: Das belgische Außenministerium überführt seit 2016 seine sogenannten Afrika-Archive – rund 9,5 laufende Kilometer öffentlicher Unterlagen zur Kolonisierung von Kongo, Ruanda und Burundi, vom Kongo-Freistaat bis zu den Akten des Kolonialministeriums über Politik, Verwaltung, Justiz und Wirtschaft – an das Staatsarchiv. Grundlage ist das belgische Archivgesetz von 1955 in der 2009 geänderten Fassung; etwa 6,5 Kilometer sind bislang übergeben. Insgesamt verteilen sich rund 20 Kilometer kolonialbezogener Archivbestände auf mehr als 80 belgische Einrichtungen, wie ein Quellenführer aus dem Jahr 2021 erfasst hat.
Europas Rohstoffziele und die Rolle des Kongo
Das Ringen um die Regale von Tervuren ist ein verkleinertes Abbild des globalen Wettbewerbs um die kongolesischen Ressourcen. Im Bergbausektor der DR Kongo dominiert heute China, während Washington seine Beziehungen zu Kinshasa vertieft, um bei Batteriematerialien unabhängiger von Peking zu werden. Die Europäische Union wiederum hat sich Ziele gesetzt, die ohne Länder wie den Kongo kaum zu erreichen sind: Ihr Gesetz über kritische Rohstoffe, der Critical Raw Materials Act, verlangt, dass die EU bis 2030 zehn Prozent ihres Jahresverbrauchs an strategischen Rohstoffen selbst fördert, 40 Prozent selbst verarbeitet und 25 Prozent recycelt – und dass kein einzelnes Drittland mehr als 65 Prozent eines strategischen Rohstoffs liefert. Im Oktober 2023 schloss Brüssel beim Global-Gateway-Forum eine strategische Rohstoffpartnerschaft mit Kinshasa und unterstützt zudem den Lobito-Korridor, über den kongolesische und sambische Metalle per Bahn zum Atlantik gelangen sollen.
So besehen ist die EU-finanzierte Digitalisierung beides zugleich: Restitution und Industriepolitik. Dieselben Akten, die die Ausbeutung der Kolonialzeit belegen, könnten Europa – und dem Kongo – helfen, die Mineralien der Energiewende zu finden.
- Das geologische Archiv in Tervuren umfasst rund 500 Regalmeter; ein ähnlich großer Bestand ehemaliger Bergbaugesellschaften liegt im Brüsseler Staatsarchiv.
- Die öffentlich betriebene, EU-finanzierte Digitalisierung soll rund fünf Jahre dauern; digitale Kopien gehen bereits schrittweise nach Kinshasa.
- Die DR Kongo stand laut USGS für rund 76 Prozent der weltweiten Kobaltförderung und ist der zweitgrößte Kupferproduzent der Welt.
Ob aus den alten Karten neue Minen werden, müssen am Ende Geologen entscheiden. Verändert hat sich schon jetzt etwas anderes: wer die Akten lesen darf. Nach sechs Jahrzehnten in belgischer Obhut erhält die DR Kongo – Seite für gescannte Seite – das Archiv ihres eigenen Bodens zurück.
Häufig gefragt
- Was lagert im Kongo-Archiv des AfricaMuseum in Tervuren?
- Rund 500 Regalmeter geologischer Unterlagen zur Demokratischen Republik Kongo aus der belgischen Kolonialzeit (1885–1960): Millionen Dokumente, darunter Karten, Vermessungsberichte, Bohrprotokolle, Feldnotizen und Explorationsberichte. Weitere rund 500 Meter Akten ehemaliger kolonialer Bergbaugesellschaften liegen im Staatsarchiv in Brüssel.
- Warum lehnte Belgien das Angebot von KoBold Metals ab?
- Das von Gates und Bezos finanzierte US-Unternehmen hatte angeboten, das Archiv mit KI zu digitalisieren, und 2025 Vereinbarungen mit der kongolesischen Regierung geschlossen. Museum und belgische Regierung verweigerten jedoch den exklusiven privaten Zugriff: Die Verwaltung öffentlicher Sammlungen dürfe nicht an Privatunternehmen delegiert werden, und Belgien könne einer ausländischen Firma ohne Vertragsverhältnis keinen Exklusivzugang gewähren.
- Was wurde am 9. Juni 2026 in Brüssel vereinbart?
- Der kongolesische Bergbauminister Louis Watum Kabamba einigte sich mit belgischen und EU-Vertretern auf einen gemeinsamen Fahrplan für Digitalisierung und Restitution der Unterlagen sowie auf eine gemeinsame Arbeitsgruppe. Digitale Kopien werden laut belgischer Regierung bereits schrittweise an kongolesische Behörden übermittelt.
- Warum sind die alten Akten wirtschaftlich so bedeutsam?
- Sie könnten auf unentdeckte Vorkommen von Kupfer, Kobalt, Lithium und Coltan hinweisen. Die DR Kongo stand zuletzt für rund 76 Prozent der weltweiten Kobaltförderung, ist zweitgrößter Kupferproduzent, und ihr Bergbauministerium schätzt rund 90 Prozent des Untergrunds als unerschlossen ein.
Quellen(12)
- 1Belgium opens up Congo archives amid global minerals raceAFP (via Yahoo Finance) · finance.yahoo.com
- 2Belgian museum, US mining company at odds over colonial-era Congo archiveReuters (via WHBL) · whbl.com
- 3Belgian museum, US mining company at odds over colonial-era Congo archiveReuters (via Mining Weekly) · miningweekly.com
- 4AfricaMuseum refuses to release Congo geological archive to US mining company, despite pressure from President TrumpVRT NWS · vrt.be
- 5Congo, Belgium agree on transfer of colonial-era geological recordsMINING.COM · mining.com
- 6The Stakes Behind Congo's Push to Recover Its Geological ArchivesEcofin Agency · ecofinagency.com
- 7Belgium denies private access to Congo colonial mining archivesBelga News Agency · belganewsagency.eu
- 8Africa archivesFPS Foreign Affairs, Belgium · diplomatie.belgium.be
- 9Archives related to the colonial eraState Archives of Belgium · arch.be
- 10European Critical Raw Materials ActEuropean Commission · commission.europa.eu
- 11Navigating Critical Mineral Supply Chains: the EU's Partnerships with the DRC and ZambiaAfrica Policy Research Institute · afripoli.org
- 12Cobalt — Mineral Commodity Summaries 2025U.S. Geological Survey · pubs.usgs.gov
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