Krieg in der Ukraine
Wie ukrainische Drohnen die besetzte Krim langsam vom Nachschub abschneiden
Auf der annektierten Halbinsel ist der öffentliche Benzinverkauf gestoppt, Speicherseen leeren sich, und das Stromnetz fällt aus. Kiews Fernschläge treffen den russischen Nachschub tief im Hinterland.
Von Camille Reuter · · 5 Min. Lesezeit

Russland eroberte die Krim, um von ihr aus Macht über das gesamte Schwarze Meer auszuüben. Heute fällt es den von Moskau eingesetzten Behörden zunehmend schwer, auf der Halbinsel das Alltäglichste sicherzustellen: Benzin in den Tanks, Wasser aus dem Hahn, Strom in der Leitung. Am Sonntag, dem 22. Juni 2026, stellten sie nach Wochen voller Warteschlangen und Rationierung den öffentlichen Benzinverkauf ganz ein und behielten die letzten Reserven den staatlichen Diensten vor. Wenige Tage später brachen in Teilen der Halbinsel auch Strom und Wasserversorgung zusammen — ein Beleg dafür, wie gründlich Kiews Fernschläge die russische Logistik weit hinter der Front zermürben.
Die Engpässe sind keine zufälligen Pannen, sondern das Ergebnis einer gezielten Kampagne. Die Ukraine hat das Jahr 2026 damit verbracht, die Raffinerien, Lager, Terminals und Tanklastzüge zu treffen, die die besetzte Krim am Laufen halten. Zugleich rächen sich alte Schwachstellen — allen voran die gekappte Wasserader —, sobald ein weiteres System ausfällt.
Vom Tankstellen-Limit zum völligen Verkaufsstopp
Seit 9 Uhr am Sonntag wurde an den Tankstellen der Krim kein Benzin mehr an Privatpersonen abgegeben; die Versorgung blieb staatlichen Stellen vorbehalten, wie Euronews, Bloomberg und RFE/RL berichteten. Sergej Aksjonow, der von Russland eingesetzte Chef der Krim, erklärte, der Kraftstoff gehe nur noch an Einrichtungen, die das Funktionieren und die Sicherheit der Region gewährleisteten, und rief die Bevölkerung zur Ruhe auf.
„Kraftstoff wird nur noch an staatliche Stellen verkauft, die das Funktionieren und die Sicherheit der Republik Krim gewährleisten“, sagte Aksjonow.
Der Stopp war der vorläufige Höhepunkt einer Krise in Zeitlupe. Bereits am 22. Mai hatte eine Notrationierung begonnen: Pro Fahrzeug durften nur noch 20 Liter Benzin der Sorte AI-92 getankt werden, das Befüllen von Kanistern wurde verboten, um Hamsterkäufe einzudämmen, wie The Moscow Times und das ukrainische Portal UNN meldeten. TES, eine Kette mit rund 115 Tankstellen auf der Halbinsel, akzeptierte ab dem 1. Juni keine Tankgutscheine mehr. Bis zum 23. Juni räumte Oleg Krjutschkow, Berater Aksjonows, ein, es gebe keinen Termin für die Wiederaufnahme des Verkaufs; jedes Ministerium sei auf ein einziges Dienstfahrzeug beschränkt worden.
Die Ursache liegt Hunderte Kilometer entfernt, in den russischen Raffinerien, die die Ukraine fortlaufend angreift. Präsident Wolodymyr Selenskyj erklärte, Kiew habe zwischen Januar und Mai 15 russische Ölraffinerien getroffen; die Drohnenangriffe auf solche Anlagen hätten sich seit Jahresbeginn etwa verdoppelt, so UNN. Laut The Moscow Times hat die Kampagne Anlagen lahmgelegt, die für rund ein Viertel der russischen Raffineriekapazität und über 30 Prozent der Benzinproduktion stehen. Moskau verlängerte ein landesweites Ausfuhrverbot für Benzin bis zum 31. Juli.
Wasser und Strom geraten ins Rutschen
Das Wasserproblem der Krim ist weit älter als die Drohnen. Der Nordkrimkanal führte einst bis zu 85 Prozent des Trinkwassers der Halbinsel vom Dnipro über das Kachowka-Reservoir heran. Doch die Ukraine staute ihn nach der russischen Annexion 2014 ab und zwang die Krim, sich auf örtliche Speicherseen zu stützen. Diese leeren sich nun. Das unabhängige Portal Intent berichtete im April, die Reservoirs von Bilohirsk und Taigan sänken rapide; der südliche Teil des Bilohirsk-Speichers sei „nahezu ausgetrocknet“, und die Vorräte würden bereits aufgezehrt, bevor die heißesten Monate überhaupt begonnen hätten.
Der Strom ist zum dritten Druckpunkt geworden. Am 21. Juni kappte ein Netzausfall die Versorgung in den nordwestlichen, zentralen und südlichen Küstenbezirken der Krim. Die meisten Pumpstationen des Versorgers „Woda Kryma“ fielen aus, was die Wasserlieferung unterbrach, wie UNN berichtete. Am 24. Juni lösten ukrainische Schläge gegen Energieanlagen laut Al Jazeera erneut Stromausfälle in Sewastopol aus, während die Temperaturen auf fast 30 Grad kletterten. Michail Raswoschajew, der von Russland eingesetzte Gouverneur der Stadt, warf der Ukraine vor, sie wolle „uns normale Lebensbedingungen nehmen und Panik säen“. Moskau erklärte, in der Nacht mehr als 300 Drohnen abgeschossen zu haben.
Zusammengenommen verstärken sich die drei Engpässe gegenseitig:
- Kraftstoff: öffentlicher Benzinverkauf eingestellt; Rationierung und Gutscheinstopp seit Ende Mai.
- Wasser: rasch sinkende Speicherseen bei längst gekappter Kanal-Zufuhr.
- Strom: Netzausfälle und Schläge gegen Energieanlagen, die zugleich die Wasserpumpen lahmlegen.
„Die Krim wird zur Insel“
Für die ukrainische Führung ist das Strategie, nicht Zufall. In einem am 17. Juni veröffentlichten Interview sagte Verteidigungsminister Mychajlo Fedorow, die Krim werde „durch Drohnen isoliert“ und „zu einer Insel“; für Russland kündigte er „sehr unerwartete Folgen“ an. Die Ukraine habe in den ersten vier Monaten des Jahres 2026 unter einem Förderprogramm namens „Logistik-Lockdown“ 300 Prozent mehr Mittelstrecken-Angriffsdrohnen unter Vertrag genommen als im gesamten Jahr 2025.
„Für die Russen beginnt die Hölle — eine, mit der sehr schwer umzugehen ist. Die Logistik wird abgeschnitten. Die Krim wird isoliert“, sagte Fedorow.
Der Atlantic Council beschrieb das Vorgehen als eine sich verengende Drohnenblockade: Jeder Straßenkorridor auf die Halbinsel sei inzwischen gesperrt oder werde wiederholt beschossen, und die Kertsch-Brücke gerate zunehmend ins Visier. Selenskyj erklärte, die Ukraine habe Ziele auf beiden Seiten der Brücke getroffen, darunter ein Öllager in Kertsch.
Warum das Hinterland für Europa zählt
Die langsame Strangulierung der besetzten Krim ist mehr als ein regionales Problem. Seit über drei Jahren bewegen sich die Frontlinien kaum, weshalb die Zermürbung im Hinterland — Kraftstoff, Munition, Transport und Moral — zu den wenigen Hebeln gehört, die beide Seiten noch wirksam ziehen können. Gelingt es der Ukraine, eine schwer militarisierte Region mit billigen, weitreichenden Drohnen vom Grundbedarf abzuschneiden, verändert das die Kostenrechnung der Besatzung und erschwert es Russland, Operationen von seinem wichtigsten Stützpunkt im Süden aus aufrechtzuerhalten.
Das hat unmittelbare Folgen für die europäische Sicherheit. Das Drohnen- und Logistikduell über der Krim ist genau die Art der Kriegführung, auf die sich NATO-Mitglieder einstellen — auch kleine Staaten wie Luxemburg, die ihre Verteidigungsausgaben erhöht und die Unterstützung für Kiew ausgebaut haben. Dass ein Krieg einer befestigten Halbinsel Strom und Wasser entziehen kann, erinnert daran: Entschieden wird er ebenso sehr durch industrielle Ausdauer und präzise Reichweite wie durch Geländegewinne — und Europas Verwundbarkeit hat dadurch nicht abgenommen.
Häufig gefragt
- Warum gibt es auf der Krim kein Benzin mehr für Privatpersonen?
- Seit dem 22. Juni 2026 ist der öffentliche Benzinverkauf eingestellt; die Reserven sind staatlichen Diensten vorbehalten. Ursache sind anhaltende ukrainische Drohnenschläge gegen russische Raffinerien und Versorgungslinien, die nach Angaben von The Moscow Times rund ein Viertel der Raffineriekapazität Russlands lahmgelegt haben.
- Warum hat die Krim zugleich Wasserprobleme?
- Der Nordkrimkanal lieferte bis 2014 bis zu 85 Prozent des Trinkwassers vom Dnipro. Die Ukraine staute ihn nach der Annexion ab, seither hängt die Krim an örtlichen Speicherseen wie Bilohirsk und Taigan, die laut dem Portal Intent rasch sinken und teils nahezu ausgetrocknet sind.
- Was meint die Ukraine mit der „Isolierung“ der Krim?
- Verteidigungsminister Mychajlo Fedorow zufolge wird die Halbinsel gezielt „durch Drohnen isoliert“ und solle zur Insel werden. Kiew sperrt oder beschießt Straßenkorridore und Nachschublinien und hat 2026 unter dem Programm „Logistik-Lockdown“ 300 Prozent mehr Angriffsdrohnen unter Vertrag genommen als 2025.
Quellen(13)
- 1Russian-occupied Crimea suspends petrol sales amid fuel crisisEuronews · euronews.com
- 2Russia-Occupied Crimea Suspends Fuel Sales After Ukrainian AttacksBloomberg · bloomberg.com
- 3Russian Authorities Halt Fuel Sales In Occupied CrimeaRFE/RL · rferl.org
- 4Occupation authorities in Crimea admit they do not know when fuel sales will resumeUkrainska Pravda · pravda.com.ua
- 5Annexed Crimea's Largest Gas Station Chain Suspends Fuel Vouchers as Shortage WorsensThe Moscow Times · themoscowtimes.com
- 6Fuel shortage grows in Crimea due to strikes on refineries - intelligence reports crisis on the peninsulaUNN · unn.ua
- 7Crimea will turn into an island, Ukraine's defence minister says in a message to RussiaEuronews · euronews.com
- 8'Hell is beginning' — Ukraine could isolate occupied Crimea as drone strikes disrupt logistics, Fedorov saysThe Kyiv Independent · kyivindependent.com
- 9Ukraine attacks on Russian-occupied Crimea trigger power cuts in SevastopolAl Jazeera · aljazeera.com
- 10In a large part of occupied Crimea, electricity and water have disappeared due to a power grid accidentUNN · unn.ua
- 11Crimean reservoirs may run out of water by summerIntent · intent.press
- 12North Crimean CanalWikipedia · en.wikipedia.org
- 13Ukraine tightens drone blockade of Russian-occupied CrimeaAtlantic Council · atlanticcouncil.org
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