Ungarn nach dem Machtwechsel
Budapest Pride zieht ohne Verbot durch die Stadt – zum ersten Mal nach Orbán
Ein Jahr nach dem Verbotsversuch füllte die Pride wieder legal Budapests Prachtboulevard – getragen von einem Regierungswechsel und einem Urteil aus Luxemburg.
Von Léa Hoffmann · · 4 Min. Lesezeit

Es war ein Umzug ohne das Risiko, das ein Jahr zuvor noch über allem hing: Am Samstag zogen Zehntausende durch das Zentrum Budapests, ohne fürchten zu müssen, dass die Polizei einschreitet, Bußgelder verhängt oder Gesichtserkennungskameras die Teilnehmer erfassen. Zum ersten Mal seit einer politischen Ewigkeit fand die Pride der ungarischen Hauptstadt wieder unbehelligt statt – und wurde damit zugleich zur Probe darauf, ob die Grundrechtsversprechen der Europäischen Union in jedem Mitgliedstaat noch gelten.
Ein Fotograf der Nachrichtenagentur AFP schätzte die Menge auf mindestens 100.000 Menschen, die sich über die Andrássy-Allee schoben, jenen prunkvollen Boulevard, der den Marsch seit drei Jahrzehnten trägt. Das blieb hinter dem Rekord des Vorjahres zurück, als zwischen 100.000 und 200.000 Menschen einem ausdrücklichen Verbot trotzten. Doch die Stimmung hatte sich gewandelt – vom Trotz hin zu etwas, das eher nach Erleichterung aussah. Es war die erste Budapest Pride, seit Viktor Orbán nach 16 Jahren an der Macht sein Amt verloren hatte.
Wahlurne und Gerichtssaal kippten das Verbot
Die Wende ruht auf zwei Ereignissen, die binnen weniger Wochen die ungarische Politik umstellten. Am 12. April 2026 verlor Orbáns Fidesz die Parlamentswahl gegen die mitte-rechts gerichtete, proeuropäische Tisza-Partei von Péter Magyar. Sie holte 138 der 199 Sitze bei 53,6 Prozent der Stimmen, Fidesz kam auf 37,8 Prozent; die Wahlbeteiligung lag bei über 77 Prozent – ein Rekord im postkommunistischen Ungarn. Magyar, einst ein Fidesz-Insider und später Orbáns schärfster Rivale, übernahm im Folgemonat die Regierung.
Neun Tage nach der Wahl, am 21. April, verkündete der Gerichtshof der Europäischen Union in Luxemburg sein Urteil in der Rechtssache Kommission gegen Ungarn (C-769/22). In der Besetzung des Plenums mit allen 27 Richtern – einer Formation, die nur Fällen von außergewöhnlicher Bedeutung vorbehalten ist – stellte er fest, dass Ungarns „Kinderschutzgesetz" von 2021 gegen die Grundwerte der Union verstößt. Die Richter beriefen sich auf Artikel 2 des EU-Vertrags und auf Artikel 1 der Grundrechtecharta zur Menschenwürde. Genau dieses rechtliche Gerüst hatte im März 2025 als Grundlage für das Pride-Verbot gedient.
Der Fall zog eine in der Geschichte der Union beispiellose Unterstützung an: 16 Mitgliedstaaten – darunter Luxemburg – stellten sich hinter die Europäische Kommission, das Europäische Parlament trat als Partei bei, und kein einziger Staat ergriff für Budapest Partei. Für die neue Regierung kam die polizeiliche Entscheidung rasch. Die Veranstalter meldeten den Marsch Ende Mai an, und die Beamten kamen zu dem Schluss, dass es keinen Grund gebe, die Versammlung zu untersagen. Budapests Polizeichef Norbert Tamás Baricska erklärte, seine Kräfte gingen „mit größtmöglicher Vorbereitung" in den Tag.
Das ist ein wegweisendes Urteil. Es macht klar, dass Ungarns Anti-LGBT-Gesetz in der Europäischen Union keinen Platz hat und aufgehoben werden sollte.
So bewertete Lydia Gall, leitende Europa- und Zentralasien-Researcherin von Human Rights Watch, den Richterspruch vom April.
Der Bürgermeister, der sich „stolzer Angeklagter" nannte
Keine Figur verkörpert die Kehrtwende dieses Jahres deutlicher als Budapests Oberbürgermeister Gergely Karácsony. Als Orbáns Regierung den Marsch 2025 verbot, erklärte Karácsony ihn kurzerhand zur städtischen Veranstaltung, die keiner polizeilichen Genehmigung bedürfe. Der Umzug fand am 28. Juni 2025 statt – ohne dass ein einziger Teilnehmer festgenommen oder mit einem Bußgeld belegt wurde.
Dafür klagte ihn die Budapester Generalstaatsanwaltschaft im Januar 2026 an: organisierte Durchführung einer verbotenen Versammlung trotz Untersagungsverfügung. Karácsony bezeichnete sich daraufhin selbst als „stolzen Angeklagten".
„Es scheint, dass das in diesem Land der Preis ist, den man zahlt, wenn man für seine Freiheit einsteht", sagte Karácsony nach der Anklage laut der Nachrichtenagentur Associated Press. Am 4. Juni 2026 stellte die Generalstaatsanwaltschaft das Verfahren ein – mit Verweis auf das EuGH-Urteil, wonach das der Anklage zugrunde liegende Gesetz mit den Werten der Union unvereinbar sei.
Was über den Feiernden weiter schwebt
Der Jubel hatte gleichwohl seine Grenzen. Die Gesetzesänderungen, die die Teilnahme an der Pride unter Strafe stellen und der Polizei den Einsatz von Gesichtserkennung gegen Teilnehmer erlauben, stehen formal weiter im Gesetzbuch – weder vom Parlament noch von einem Gericht aufgehoben. Wie das Portal EUobserver berichtet, bleibt der zur Abschreckung errichtete Überwachungsapparat im ungarischen Recht verankert, auch wenn die Verfolgung ausgesetzt ist. Auch andere diskriminierende Regelungen haben den Regierungswechsel überdauert, darunter:
- ein Verbot von 2020, den rechtlichen Geschlechtseintrag in amtlichen Dokumenten zu ändern;
- Beschränkungen, die eine Adoption auf verheiratete Paare begrenzen.
Für viele in der Menge zählte die Richtung mehr als der unvollendete juristische Aufräumprozess. „Ich glaube, die Lage wird immer besser, vor allem wegen des Regierungswechsels", sagte Petra Toth, eine 18-jährige Teilnehmerin, gegenüber AFP. Beobachter beschrieben die Menge als überwiegend jung.
Warum Luxemburg genau hinsieht
Für Luxemburg ist das Geschehen in Budapest mehr als eine ferne Schlagzeile aus den Kulturkämpfen Osteuropas. Das Großherzogtum war eine der 16 Regierungen, die den Fall der Kommission gegen Ungarn formal unterstützten – Teil eines jahrelangen Bemühens luxemburgischer Minister und Europaabgeordneter, die Union LGBTQ-Rechte als Frage des EU-Rechts und nicht als nationale Vorliebe verteidigen zu lassen. Außenminister Xavier Bettel, von 2013 bis 2023 Premierminister und einer der wenigen offen homosexuell lebenden Regierungschefs der EU, gehört seit jeher zu den beständigsten Stimmen in diesem Streit mit Budapest.
Auf dem Spiel steht, wie Luxemburg seit Langem betont, weit mehr als ein einzelner Umzug. Die Budapester Frage lautet, ob die in den EU-Verträgen verbrieften Rechte noch in einem Mitgliedstaat tragen, dessen Regierung sie einst auszuhebeln versuchte – ein Test für jene Union, die das Großherzogtum mit aus der Taufe gehoben hat. Am Samstag, mit gehissten Fahnen und ohne Polizeisperren, sah die Antwort für den Moment nach einem Ja aus.
Häufig gefragt
- Warum durfte die Budapest Pride 2026 wieder ohne Verbot stattfinden?
- Zwei Ereignisse kippten das Verbot: der Wahlsieg von Péter Magyars proeuropäischer Tisza-Partei am 12. April 2026, der Orbán ablöste, und das EuGH-Urteil vom 21. April 2026, das Ungarns „Kinderschutzgesetz" für EU-rechtswidrig erklärte. Die Polizei sah Ende Mai keinen Grund mehr, die Versammlung zu untersagen.
- Welche Rolle spielte Luxemburg in dem Verfahren?
- Luxemburg war einer von 16 Mitgliedstaaten, die vor dem EuGH die Klage der EU-Kommission gegen Ungarn unterstützten – die größte derartige Intervention der EU-Geschichte. Außenminister Xavier Bettel, einer der wenigen offen homosexuellen Regierungschefs der EU, gilt seit Jahren als beständige Stimme im Rechtsstaatsstreit mit Budapest.
- Ist das ungarische Anti-LGBT-Gesetz damit abgeschafft?
- Nein. Laut EUobserver bleiben die Strafvorschriften gegen die Teilnahme an der Pride und die Erlaubnis zur Gesichtserkennung formal in Kraft – weder Parlament noch Gericht haben sie aufgehoben. Auch das Verbot der Änderung des Geschlechtseintrags von 2020 und Adoptionsbeschränkungen bestehen fort.
Quellen(15)
- 1Hungarian Pride parade banWikipedia · en.wikipedia.org
- 2Tens of thousands in Hungary defy ban to march at Budapest PrideAl Jazeera · aljazeera.com
- 3Around 100,000 march in Budapest Pride event in defiance of Hungary's banNPR · npr.org
- 4Peter Magyar wins Hungary election, unseating Viktor Orban after 16 yearsAl Jazeera · aljazeera.com
- 5Hungary election 2026 results: Peter Magyar wins, Viktor Orban concedes landmark defeatCNN · cnn.com
- 6Commission v Hungary (C-769/22)Wikipedia · en.wikipedia.org
- 7Hungary: Top EU Court Rules Anti-LGBT Law UnlawfulHuman Rights Watch · hrw.org
- 8Judgment: C-769/22 Commission v HungaryCourt of Justice of the European Union (curia.europa.eu) · curia.europa.eu
- 9Hungary's anti-LGBTI law and EU values: the CJEU's landmark Article 2 TEU judgmentEuropean Parliament (EPRS) · epthinktank.eu
- 10Charges against Budapest mayor for organizing Pride march droppedWashington Blade · washingtonblade.com
- 11Hungary charges Budapest mayor for allowing banned pride marchAl Jazeera · aljazeera.com
- 12Budapest Pride 2026: Major road closures and public transport changes announced for SaturdayDaily News Hungary · dailynewshungary.com
- 13Budapest Pride to push for equality after reversed banAFP via France 24 / Yahoo News · yahoo.com
- 14Budapest free to celebrate Pride again, but Orban-surveillance machine still in placeEUobserver · euobserver.com
- 15Infringement ruling tests whether Magyar will put pro-EU commitments into practiceILGA-Europe · ilga-europe.org
Zum selben Thema

Ein 500-Milliarden-Fonds ohne Krise: Luxemburgs ESM sucht eine neue Bestimmung

Litauen will Atomwaffen-Verbot streichen und rückt unter Natos Schutzschirm

Ermittlungen um 4,33 Millionen Euro: EU-Staatsanwaltschaft durchsucht Umfeld der aufgelösten ID-Fraktion
