Animationsfilmfestival Annecy 2026
VR-Werk über Demenz holt für Luxemburg den Cristal in Annecy
Die virtuelle Realität führt in die Wohnung einer demenzkranken Pianistin. Bei der Koproduktion stehen Tarantula Luxembourg und das Studio Velvet Flare im Abspann.
Von Tom Schmit · · 4 Min. Lesezeit

Eine halbe Stunde in einer Wohnung, in der die Erinnerung zerfällt: Mit diesem Versprechen hat das Virtual-Reality-Werk A Long Goodbye dem luxemburgischen Filmstandort eine der sichtbarsten Festivalauszeichnungen des Jahres beschert. Beim Internationalen Animationsfilmfestival in Annecy, der weltweit wichtigsten Bühne des Genres, erhielt die Arbeit den Cristal für das beste immersive Werk. Die Preisträger wurden am 27. Juni bekanntgegeben.
Regie führten die belgischen Filmemacher Kate Voet und Victor Maes; produziert wurde das Werk gemeinsam von Belgien, Luxemburg und den Niederlanden. In Luxemburg übernahm Tarantula Luxembourg die Koproduktion, die 2D- und 3D-Animation lieferte das einheimische Studio Velvet Flare. Die Regierung in Luxemburg würdigte den Erfolg einen Tag später und wertete ihn als Beleg für die wachsende Rolle des Landes in Animation und immersivem Erzählen.
Eine Pianistin, deren Welt sich auflöst
Im Zentrum steht Ida, eine 72-jährige Pianistin, deren Wirklichkeit sich nach und nach verflüchtigt. Das Publikum bewegt sich durch ihre Wohnung, nimmt Gegenstände in die Hand und hört Tonbandaufnahmen, die ihr Ehemann Daniel hinterlassen hat. Zwischen Klarheit und Verwirrung flackert eine handgezeichnete, malerisch anmutende Welt – der Versuch, Demenz von innen heraus erfahrbar zu machen. Das Festival führt die Arbeit als rund 30-minütiges Short-VR-Stück, entstanden aus einer Mischung von 2D- und 3D-Computeranimation.
Der Stoff entstand aus einer persönlichen Erfahrung: Victor Maes erlebte, wie sein Großvater an Alzheimer erkrankte und rasch abbaute. Das Ergebnis ist weniger eine klinische Studie über die Krankheit als ein Porträt der Bindung, die trotz ihr Bestand hat.
A Long Goodbye ist zugleich eine persönliche und eine universelle Geschichte über menschliche Verbundenheit. Sie erinnert daran, dass Menschen immer so viel mehr sind als ihre Krankheit. Statt auf das zu blicken, was verloren geht, sollten wir nah beieinander bleiben und an der gemeinsamen Zuneigung festhalten.
Diese Worte stammen aus dem Regie-Statement von Voet und Maes, das das Werk schon auf früheren Festivalstationen begleitete. Als federführender Produzent zeichnet die belgische Firma Cassette for Timescapes (Emmy Oost und An Oost) verantwortlich, an der Seite von Valk Productions aus den Niederlanden. Die Musik schrieb der niederländische Komponist Joep Beving, die technische Entwicklung leitete Frederik Smolders (Polygoat).
Was Luxemburg beigetragen hat
Tarantula Luxembourg unter Produzent Donato Rotunno fungierte als luxemburgischer Koproduzent, während das Studio Velvet Flare die 2D- und 3D-Computeranimation verantwortete, die dem Werk seinen haptischen, malerischen Charakter verleiht. Finanziert wurde das Projekt unter anderem mit öffentlicher Unterstützung des Film Fund Luxembourg und des nationalen Fonds für audiovisuelle Produktion (Fonspa). Zum breiteren Finanzierungspaket gehörten zudem Mittel aus Flandern, den Niederlanden und dem EU-Programm Creative Europe MEDIA.
Guy Daleiden, Direktor des Film Fund Luxembourg, erklärte in der französischsprachigen Mitteilung der Regierung, die Auszeichnung spiegele „die Qualität und den Anspruch der vom Film Fund Luxembourg begleiteten immersiven Werke wider, ebenso wie die Bedeutung der Investitionen zugunsten neuer Erzählformen und ihrer internationalen Ausstrahlung“. Der Cristal ist der Hauptpreis im immersiven Wettbewerb von Annecy.
Ein Sektor mit wachsender Festivalbilanz
Der Preis in Annecy krönt einen erfolgreichen Lauf – für das Werk selbst und für Luxemburgs immersive Szene. A Long Goodbye hatte bereits 2025 bei den 82. Filmfestspielen von Venedig den Venice Immersive Achievement Prize erhalten und lief im März 2026 beim Luxembourg City Film Festival. Mit dem Cristal kommt nun die begehrteste immersive Trophäe der Animationswelt hinzu.
Für ein Land mit weniger als 700.000 Einwohnern ist Luxemburg in Annecy auffällig präsent. Acht Produktionen und Koproduktionen waren 2026 im Wettbewerb und in den Schaufenstern vertreten; der Film Fund präsentierte die Schau „Animated Luxembourg – Coming Next“ und betrieb einen Stand auf dem Branchenmarkt MIFA. Bereits 2025 platzierte das Großherzogtum acht Filme in der offiziellen Auswahl von Annecy, 2024 traten die VR-Arbeiten Oto's Planet und Mamie Lou an – ein Zeichen dafür, dass immersive Formate fester Bestandteil der nationalen Strategie geworden sind.
- Auszeichnung: Cristal für das beste immersive Werk, Annecy 2026
- Luxemburger Koproduzent: Tarantula Luxembourg (Donato Rotunno)
- Animationsstudio: Velvet Flare (Luxemburg)
- Öffentliche Förderer: Film Fund Luxembourg, Fonspa, Creative Europe MEDIA
- Frühere Ehrung: Venice Immersive Achievement Prize, 2025
Der Hauptpreis des Festivals, der Cristal für den besten Langfilm, ging in diesem Jahr an The Violonist von Ervin Han und Raúl García, eine Koproduktion aus Singapur, Spanien und Italien. Für Luxemburg aber zählte der immersive Cristal – eine Kategorie, in der ein kleines Land mit reifender Animationsbranche leise zu einer festen Größe geworden ist.
Häufig gefragt
- Worum geht es in „A Long Goodbye“?
- Das interaktive Virtual-Reality-Werk führt das Publikum in die Wohnung von Ida, einer 72-jährigen Pianistin mit Demenz. Man nimmt Gegenstände in die Hand und hört Tonbandaufnahmen ihres Ehemanns Daniel. Die handgezeichnete, malerische Arbeit dauert rund 30 Minuten.
- Welche Rolle spielte Luxemburg bei der Produktion?
- Tarantula Luxembourg unter Donato Rotunno war Koproduzent, das Studio Velvet Flare lieferte die 2D- und 3D-Animation. Finanziert wurde das Werk unter anderem vom Film Fund Luxembourg und vom nationalen Fonds Fonspa.
- Welcher Preis wurde in Annecy vergeben?
- „A Long Goodbye“ erhielt den Cristal für das beste immersive Werk, den Hauptpreis im immersiven Wettbewerb von Annecy. Der Cristal für den besten Langfilm ging an „The Violonist“ von Ervin Han und Raúl García.
- Hatte das Werk zuvor schon Auszeichnungen erhalten?
- Ja. 2025 gewann es bei den 82. Filmfestspielen von Venedig den Venice Immersive Achievement Prize und lief im März 2026 beim Luxembourg City Film Festival.
Quellen(10)
- 1Le Luxembourg primé à Annecy avec l'oeuvre immersive A Long GoodbyeLe gouvernement luxembourgeois (gouvernement.lu) · gouvernement.lu
- 2A Long Goodbye - Oeuvres immersives 2026Annecy Festival · annecyfestival.com
- 3'The Violonist', 'Paper Trail' Take Top Annecy Festival Prizes: All WinnersZippy Frames · zippyframes.com
- 4Annecy Winners: 'The Violinist' Takes Top Prize, 'Iron Boy' Sweeps Three AwardsVariety · variety.com
- 5Annecy film festival unveils 2026 winnersScreen Daily · screendaily.com
- 62026 Annecy International Animation Film FestivalWikipedia · en.wikipedia.org
- 7A Long Goodbye wins the Venice Immersive Achievement Prize at the Mostra de VeniceFilm Fund Luxembourg · filmfund.lu
- 8Luxembourg crowned at Venice Film Festival with 'A Long Goodbye'Paperjam · en.paperjam.lu
- 98 Luxembourg Productions, Co-Productions Selected for Annecy 2026Chronicle.lu · chronicle.lu
- 10A Long Goodbye - Venice Immersive 2025La Biennale di Venezia · labiennale.org
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