Katastrophe in Venezuela
Elf Tage nach dem Beben in Venezuela: Zahl der Toten steigt auf 2.954
Nach dem Doppelbeben vom 24. Juni zählen die Behörden 2.954 Tote und Zehntausende Vermisste. In La Guaira und Caracas weicht die Rettung dem Wiederaufbau.
Von Léa Hoffmann · · 4 Min. Lesezeit

In den Trümmern von La Guaira suchen viele Familien längst nicht mehr nach Überlebenden, sondern nach ihren Toten. Elf Tage nach den beiden schweren Erdbeben, die am 24. Juni innerhalb weniger Sekunden den dicht besiedelten Norden Venezuelas erschütterten, hat die Regierung die Opferzahl erneut nach oben korrigiert: Mindestens 2.954 Menschen sind bestätigt tot, wie der Präsident der Nationalversammlung, Jorge Rodríguez, am Wochenende mitteilte. Ein Ende ist nicht abzusehen — die Bilanz steigt weiter.
Nach Angaben der venezolanischen Behörden wurden mehr als 12.000 Menschen verletzt; die Nationalversammlung beziffert die Zahl inzwischen auf über 16.000. Zehntausende Wohnungen sind zerstört oder unbewohnbar. Internationale Hilfsorganisationen, darunter die Internationale Organisation für Migration, schätzen, dass rund 50.000 Menschen weiterhin als vermisst gelten. Amtliche Stellen mahnen jedoch zur Vorsicht: In dieser Zahl vermischten sich tatsächlich Vermisste mit Bewohnern, die aus zerstörten Vierteln geflohen und noch nicht erfasst worden seien.
Zwei Beben, 39 Sekunden Abstand
Seismologen sprechen von einem Erdbeben-Doublet. Gegen 18.04 Uhr Ortszeit erschütterte ein Beben der Stärke 7,2 die Region um San Felipe im Bundesstaat Yaracuy, westlich der Hauptstadt. Nur 39 Sekunden später folgte laut dem US-Geologiedienst USGS ein Hauptbeben der Stärke 7,5 in geringer Tiefe von etwa zehn Kilometern. Beide Beben ereigneten sich am San-Sebastián-Störungssystem, einer Blattverschiebung entlang der venezolanischen Karibikküste, und waren im ganzen Land sowie in den Nachbarstaaten zu spüren. Eine kurzzeitige Tsunami-Warnung für Teile der Karibik wurde später wieder aufgehoben, nachdem Puerto Rico nur geringe Wellen erreicht hatten.
Es waren die stärksten Erdbeben, die Venezuela seit mehr als einem Jahrhundert getroffen haben. Seither wurden fast 900 Nachbeben registriert.
Ganze Viertel dem Erdboden gleichgemacht
Am schwersten traf es den Küstenstaat La Guaira und Caracas, wo mittelhohe Wohnblöcke in sich zusammenstürzten und ganze Viertel eingeebnet wurden. Nach Angaben der Behörden brachen Hunderte Gebäude ein, allein in La Guaira wurden mehr als 1.400 zerstört. Eine Satellitenauswertung der Forscher Corey Scher und Jamon Van Den Hoek von der Oregon State University schätzt, dass rund 58.870 Bauwerke beschädigt oder zerstört wurden. Das UN-Büro für Katastrophenvorsorge beziffert die unmittelbaren Sachschäden auf etwa 37 Milliarden US-Dollar. Dutzende Krankenhäuser fielen genau in dem Moment aus, in dem das Land sie am dringendsten brauchte.
„Wir arbeiten weiterhin in einem Umfeld mit hohem Risiko", sagte Gianluca Rampolla, der Residierende und Humanitäre Koordinator der Vereinten Nationen in Venezuela.
Von der Rettung zur Bergung
Mehr als eine Woche lang arbeiteten rund 30.000 venezolanische Einsatz- und Militärkräfte Seite an Seite mit mehr als 3.300 internationalen Rettern aus über zwei Dutzend Ländern, unterstützt von mehr als 160 Suchhunden. Teams aus Brasilien, Frankreich, Chile, Kolumbien, Deutschland, Tschechien und den Vereinigten Staaten schlossen sich dem Einsatz an, während die UN und die venezolanischen Behörden 10.000 Leichensäcke beschafften. Mehr als 6.400 Menschen wurden lebend aus den Trümmern geborgen, darunter ein dreijähriger Junge nach sechs Tagen und ein Mann nach acht Tagen.
Bis zum Wochenende hatte sich der Einsatz jedoch entscheidend von der Rettung hin zu Bergung und Wiederaufbau verlagert. Die Regierung kündigte an, Straßen, Brücken und Verkehrsverbindungen instand zu setzen, und stellte ein Wohnungsprogramm vor, mit dem die Obdachlosen bis Jahresende untergebracht werden sollen. Rettungskräfte klagen über Treibstoffmangel und fehlendes schweres Gerät; Hilfsorganisationen nennen die Versorgung mit Wasser und sanitären Einrichtungen als dringlichstes Problem.
- 2.954 bestätigte Tote, Tendenz weiter steigend
- Über 16.000 Verletzte nach Angaben der Nationalversammlung
- Rund 50.000 Vermisste laut Hilfsorganisationen
- Etwa 37 Milliarden US-Dollar geschätzter direkter Sachschaden
Eine Katastrophe über einer Krise
Die Beben trafen ein Land, das ohnehin von Jahren des wirtschaftlichen Zusammenbruchs, von Hyperinflation und der Abwanderung von mehr als sieben Millionen Menschen ausgezehrt ist. Schon vor den Erdstößen fehlten in öffentlichen Krankenhäusern Materialien, und die Strom- und Wassernetze waren fragil — Bedingungen, die den Notstand nach Einschätzung von Helfern noch verschärft haben. „Heute haben wir Menschen lebend geborgen, und deshalb werden die Einsätze nicht eingestellt", sagte die amtierende Präsidentin Delcy Rodríguez, während die Trupps weiterarbeiteten. Dennoch stehen die Behörden in der Kritik, weil sie von Bürgern organisierte Hilfssammlungen einschränkten und internationale Rettungsteams stellenweise verzögerten.
Für die Überlebenden ist der Weg zurück lang. „Es gibt Menschen, die eine Umarmung brauchen", sagte Vanessa May, Leiterin des UN-Nothilfebüros (OCHA) in Venezuela, und warnte, die Erholung werde in Jahren zu bemessen sein, nicht in Wochen. Während der Wiederaufbau beginnt, stehen Tausende Familien noch immer am Rand der Trümmer und warten auf ein Lebenszeichen der Vermissten.
Häufig gefragt
- Wie viele Todesopfer forderte das Erdbeben in Venezuela?
- Nach Angaben von Jorge Rodríguez, dem Präsidenten der Nationalversammlung, sind mindestens 2.954 Menschen bestätigt tot (Stand 4. Juli). Frühere Angaben lagen bei 1.719 (29. Juni) und 2.595 (2. Juli); die Zahl steigt weiter.
- Wann und wo ereigneten sich die Beben?
- Am 24. Juni 2026 gegen 18.04 Uhr Ortszeit erschütterte zunächst ein Beben der Stärke 7,2 die Region um San Felipe im Bundesstaat Yaracuy, 39 Sekunden später folgte ein Hauptbeben der Stärke 7,5 in etwa zehn Kilometern Tiefe am San-Sebastián-Störungssystem an der Karibikküste.
- Wie hoch sind die Schäden?
- Das UN-Büro für Katastrophenvorsorge schätzt die unmittelbaren Sachschäden auf rund 37 Milliarden US-Dollar. Eine Satellitenauswertung geht von etwa 58.870 beschädigten oder zerstörten Bauwerken aus; am schwersten betroffen sind La Guaira und Caracas.
- Wie verläuft der internationale Hilfseinsatz?
- Rund 30.000 venezolanische Kräfte arbeiteten mit mehr als 3.300 internationalen Rettern aus über zwei Dutzend Ländern und mehr als 160 Suchhunden. Über 6.400 Menschen wurden lebend geborgen; inzwischen verlagert sich der Einsatz auf Bergung und Wiederaufbau.
Quellen(8)
- 12026 Venezuela earthquakesWikipedia · en.wikipedia.org
- 2Venezuela quakes death toll rises to 1,719, thousands still missingAl Jazeera · aljazeera.com
- 3Venezuela earthquake death toll passes 1,700 as UN continues to scale up responseUN News · news.un.org
- 4Venezuela earthquakes latest: Death toll climbs as rescuers continue searchingABC News · abcnews.com
- 5Venezuela quake toll climbs to 2,595 as damage estimates mount after strongest tremor in a centuryCNBC · cnbc.com
- 6Venezuela quake death toll rises to 2,954 as recovery shifts to reconstructionAOL · aol.com
- 7Venezuela Quake Death Toll Rises To 2,954 — Official FiguresChannels Television · channelstv.com
- 8Venezuela Earthquake Update: Magnitude 7.5 and 7.2 Quakes, Latest Figures, and Damage AreasMiyamoto International · miyamotointernational.com



